WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Vertrauen kann man nicht stressen - von Jochen Hahn

Der Stresstest war eine Imagekampagne für Banken

Wien (OTS) - Bestanden. 84 von 91 systemrelevanten europäischen Banken, die zum Stresstest angetreten sind, konnten einem doppelten Stressszenario standhalten. Soll heißen, sie würden eine überraschende Rezession 2010 und 2011 ebenso überleben wie einen danach folgenden Crash an den Anleihenmärkten. Überleben bedeutet, ihre Kernkapitalquoten (Tier 1) zumindest über sechs Prozent zu halten.

Nun gut, über die Härte dieses Tests wird jetzt wohl noch Wochen geraunzt werden, auch über dessen Kriterien, denn eine Bankenpleite eines großen Instituts wurde nicht gestresst. Vordergründig sollte als Ergebnis aber eigentlich nur eines herauskommen: Das Vertrauen in die Banken soll gestärkt werden, und das ist fürs Erste einmal gelungen.

Der Stresstest war also nichts anderes als eine Imagekampagne. Denn eines muss allen Beteiligten klar sein: Vertrauen kann man nicht stressen und das Kernkapital kann gar nicht so hoch sein, um einem Kundenansturm im Krisenfall standzuhalten. In solchen Fällen müsste wie schon nach der Lehman-Pleite der Staat schützend und garantierend einspringen - das fällt allerdings von Mal zu Mal schwerer. Denn laut Europäischer Zentralbank (EZB) beträgt die aggregierte Bilanzsumme der Banken im Euroraum 32.708 Milliarden Euro, also rund 350 Prozent des BIP. Die Banken
sind der EU weit über den Kopf gewachsen.

Demnach macht es auch wenig Sinn, die Stresstests zu institutionalisieren, denn je öfter eine Imagekampagne stattfindet, umso unglaubwürdiger wird sie. Sinn machen würde dagegen, die Banken kürzer an die Leine zu nehmen, also Risiken an strengere Bedingungen zu knüpfen. Darunter fällt etwa die strikte Trennung von Investment-und Retail-Banking, wobei die Kapitalvorschriften für Erstere dramatisch verschärft werden müssten, um so die Bilanzsummen wieder auf vernünftige Dimensionen zurechtzustutzen. Realistisch ist ein solches Szenario allerdings nicht. Die Stresstests dürften in der öffentlichen Darstellung von Politik und Banken als "genug" bezeichnet werden.

Damit wird die eigentliche Quintessenz der Stresstests deutlich:
Verschärfte Vorschriften für den Finanzsektor sind doch gar nicht nötig, denn das System ist solide und krisenfest. Bleibt nur zu hoffen, dass Anleger und Sparer diese "Krot" fressen, denn nichts wäre schlimmer, als ein böses Erwachen unter Investoren unter dem Titel: Was ist die Moral aus der Geschicht? Banken-Stresstests glaubt man nicht.

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