DER STANDARD-Kommentar "Man muss ruhig darüber reden" von Thomas Trenkler

Diethard Leopold scheint ernsthaft interessiert, das Problem "Raubkunst" zu lösen //Ausgabe vom 26.7.2010/

Wien (OTS) - Wie wahr: "Man kann nicht ruhig darüber reden." Diese Erkenntnis des jüdisch-österreichischen Schriftstellers Hans Weigel in einem Buch über Antisemitismus galt bisher auch, wenn das Gespräch auf das Museum Leopold und seinen Umgang mit geraubter Kunst kam. Schon vor etlichen Jahren war die Debatte in einen Stellungskrieg übergegangen. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) forderte die Aufarbeitung der Provenienzen und die Rückgabe von Kunstwerken, die in der NS-Zeit gestohlen worden waren. Rudolf Leopold und sein Stiftungsvorstand hingegen pochten auf das Recht: Man sei kein Bundesmuseum - und daher nicht zur Restitution verpflichtet. Zudem stritt man ab, dass es, abgesehen von Häuser am Meer, so etwas wie Raubkunst überhaupt gäbe: Die IKG und die Medien würden einfach nur Verdächtigungen in den Raum stellen.
Selbst in eindeutigen Fällen - wie im Fall Oskar Reichel - gestand man keinen Handlungsbedarf ein: Rudolf Leopold habe, so die unentwegte Beteuerung, alle Kunstwerke im guten Glauben erworben. Die Weigerung der Stiftung, sich "proaktiv" mit dem Problem auseinanderzusetzen, provozierte wiederum die Gegenseite: Im November 2008 riegelte die IKG das Museum Leopold, zum "Raubkunstmuseum" erklärt, in einer überfallartigen Aktion mit Absperrbändern ab. Doch nun, nach der Einigung mit den Erben nach Lea Bondi-Jaray über das Bildnis Wally, scheint man in der Stiftung etwas anders zu denken. Dass es dazu kommen konnte, ist Leopold selbst zu verdanken:
Wenige Tage vor seinem Tod berief er seinen Sohn in den Vorstand -als Ersatz für den Anwalt Martin Eder, der das Bagatellisieren zum Maxime erhoben hatte.
In mehreren Interviews vermittelte Diethard Leopold glaubhaft, dass er an einer raschen wie auch vernünftigen Lösung interessiert ist. Er schlug daher vor, das Gemälde Häuser am Meer, das einst der Seidenfabrikantin Jenny Steiner gehört hatte, zu versteigern und den Erlös zwischen den Erben und der Stiftung aufzuteilen. Als Vorbild dient ihm die gütliche Einigung im Zusammenhang mit Gustav Klimts Kirche in Cassone: Der Eigentümer, wiewohl Privatperson ohne Restitutionsverpflichtung, gab das Bild an die Erben nach Amalie Redlich zurück und diese teilten mit ihm den Gewinn.
Doch die Antwort der IKG auf Leopold fiel hart aus: Der Vorschlag sei "geschmacklos" und abzulehnen. Die Kultusgemeinde hat starke moralische Argumente auf ihrer Seite. In der Causa Jenny Steiner ist sie aber, was sie nicht gerne eingesteht, Partei. Denn sie vertritt drei Viertel der Erben (das Technion Institute in Haifa, die Gallaudet University in Washington und das Foundling Hospital in New York).
Theoretisch könnten die Erben das Bild in ferner Zukunft zurückbekommen: dann, wenn die Sammlung nach Auflösung der Stiftung in Bundesbesitz übergegangen ist. Doch in Wien lebt eine betagte, von Alfred Noll vertretene Dame, die ebenfalls erbberechtigt ist. Ihr wäre eine Einigung zu Lebzeiten durchaus recht.
Diethard Leopold, von Beruf Psychotherapeut, würde wohl gerne vermitteln. Doch er ist, wie die IKG, Partei. Sich eines Mediators zu bedienen, scheint aber nicht die schlechteste Idee sein - im Sinne der Republik, die viele Schritte zur Wiedergutmachung gesetzt hat. Dass die Stiftung einen fairen Preis zu zahlen bereit ist, hat sie mit den 14,8 Millionen Euro für das Bildnis Wally bewiesen. Man muss ganz ruhig darüber reden.

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