WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Was Exporte mit hohen Zäunen zu tun haben - von Michael Laczynski

"China hat keine langfristig tragbare Wachstumsalternative"

Wien (OTS) - Manchmal hilft ein Blick auf die Trivialitäten des Alltags, um ein Verständnis für die fundamentalen Probleme zu gewinnen, mit denen es eine Gesellschaft zu tun hat. Eine derartige aufschlussreiche Lappalie erreichte uns gestern über die Ticker von Associated Press aus Peking: Demnach haben die lokalen Behörden damit begonnen, von chinesischen Arbeitsmigranten bewohnte Viertel in den Vorstädten der Metropole einzuzäunen. Im Neusprech der Regierung heißt dieser Vorgang "verwaltete Versiegelung". Die Einführung einer nächtlichen Ausgangssperre solle dabei helfen, die Kriminalitätsrate zu senken.

Diese Politik, die auch dem südafrikanischen Apartheid-Regime gut zu Gesicht stehen würde, macht deutlich, was falsch läuft in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China: Anstatt die Ressource Mensch kreativ zu nutzen, werden Zuwanderer aus dem armen Landesinneren in Gehege gepfercht. Unzählige gesetzliche Hürden hindern sie daran, sich in den Wachstumszentren niederzulassen. Die Folgen dieser sozialen Segregation liegen auf der Hand: Wer seine Zukunft nicht planen kann und von der Willkür der Bürokraten abhängt, ist keine Stütze der Binnennachfrage. Und ohne kräftigen Verbrauch im Inland bleibt China nichts anderes übrig, als Nachfrage aus dem Ausland zu importieren.

Die jüngsten Zuwächse bei den Exporten mögen zwar imposant sein, doch die Lenker der Volksrepublik wissen ganz genau, dass die budgetären Nöte des Westens eher früher als später in einer sinkenden Nachfrage nach chinesischen Produkten resultieren werden. Ihr Problem ist nur, dass ihnen momentan keine langfristig tragbare Wachstumsalternative zur Verfügung steht. Peking könnte zwar die Banken dazu verdonnern, die Kreditschleusen erneut zu öffnen. Doch wie US-Ökonom Raghuram Rajan in seinem soeben publizierten Buch "Fault Lines" nachweist, ist der Finanzsektor einer gelenkten, auf Produktion ausgerichteten Volkswirtschaft tendenziell ineffizient. Anstatt produktiv eingesetzt zu werden, landet das Kapital bei aufgeblähten staatsnahen Firmen -und der aktive Mittelstand geht leer aus.

So wie es derzeit aussieht, bleibt Peking nichts anderes übrig, als weiterhin US-Anleihen zu horten, Ausfuhren zu forcieren - und die arbeitende Bevölkerung hinter hohen Zäunen zu halten.

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