Die Presse - Leitartikel: "Der drohende Kater nach dem Fußballfest", von Helmar Dumbs

Ausgabe vom 13.07.2010

Wien (OTS) - Wider die meisten Prognosen hat Südafrika die WM erfolgreich gemeistert. Den Schwung gilt es zu nutzen.

Schwarz waren die Prognosen, die seit der Vergabe der Fußball-WM an Südafrika mit Beharrlichkeit und einem kräftigen Schuss kolonialistischer Überheblichkeit gezeichnet worden waren: Leichen von gleich im Dutzend hingemeuchelten Fußballfans würden die Straßen zu den WM-Stadien säumen, die Infrastruktur würde unter den hunderttausenden Gästen krachend zusammenbrechen und die Organisation der wichtigsten sportlichen Nebensache der Welt unweigerlich im typischen afrikanischen Chaos versinken. Doch das, was in den vergangenen vier Wochen zu erleben war, hatte mit diesen Horrorszenarien nichts gemein.
Angeblich hat ja Spanien die WM gewonnen, aber abseits des Spielfelds und der Fifa, die einmal mehr das Geld schubkarrenweise in die Schweiz fahren kann, gibt es noch einen anderen Sieger: das Gastgeberland am Kap, das all die Bedenkenträger Lügen gestraft hat. Die Spielstätten wurden rechtzeitig fertig (das Nelson-Mandela-Bay-Stadion in Port Elizabeth sogar ein Jahr unter Plan), die Verkehrsinfrastruktur mit der stolzen Summe von 1,2 Milliarden Dollar wurde WM-tauglich gemacht, und Zeitungsberichte über Fans, die für eine Handvoll Rand ein Messer in den Rücken bekamen, suchte man vergeblich. Die Einstellung von 40.000 zusätzlichen Polizisten hat eine sichere WM ermöglicht. Wenn die Fans Gewalt zu sehen bekamen, dann auf dem Rasen (de Jongs Kung-Fu-Attacke gegen die Brust von Alonso im Finale oder den Tritt des Brasilianers Melo auf das Knie des auf dem Boden liegenden Robben im Viertelfinale). Nicht einmal die Befürchtung, dass die Häuser wohlhabender Südafrikaner ausgeraubt werden, während die Sicherheitskräfte die ausländischen Gäste vor Raubüberfällen und vor sich selbst schützen, hat sich bewahrheitet.
Eindrucksvoll hat Südafrika allen Zweiflern, die einen Plan B für eine Notverlegung der WM gefordert haben, gezeigt: Wir können es. Und ihnen aus abertausenden Vuvuzelas eins gepfiffen. Dass die Länder südlich der Sahara im Blick von außen meist in einen Topf geworfen werden, könnte nun zur Abwechslung eine positive Wirkung haben. Es besteht die Hoffnung, dass nicht nur Südafrika, sondern der ganze Kontinent die so erfolgreich gemeisterte WM-Herausforderung zum Imagegewinn nutzen kann - und so Investoren, die bisher vor einem Schritt nach Afrika zurückgeschreckt sind, überzeugt werden.
Wenn sich die Euphorie am Kap zusammen mit den Fans wieder verzogen hat, werden sich aber viele Südafrikaner fragen: Was bleibt uns von den Fußballfestspielen? Auf der Habenseite steht der Ausbau des öffentlichen Verkehrs und der Straßen. Mit den Megastadien sieht es da schon anders aus. In einem Land, das kaum die Klubs hat, um sie zu füllen, werden einige als äußerst kostspielige "weiße Elefanten" enden. Mehr als 1,1 Mrd. Dollar waren in der Endabrechnung für Neu-und Umbau aller Spielstätten fällig. Veranschlagt waren ursprünglich Gesamtkosten von nur 300 Millionen. Nun kommt auch noch die Erhaltung dazu. Wenig geblieben ist dafür vom versprochenen Jobwunder: Viele der im Bausektor geschaffenen Arbeitsplätze sind mittlerweile ebenso Vergangenheit wie die WM. Zigtausende Kleinhändler empfanden das Großereignis ohnehin als einzigen Verdienstentgang, sie wurden aus den Zonen rund um die Stadien schlicht verjagt.

Für jene Hälfte der Südafrikaner, die unter der Armutsgrenze lebt, war der 11. Juli nicht der Tag des WM-Finales, sondern einfach ein Tag, an dem sie ebenso viele Schwierigkeiten hatten, sich und ihre Familie zu ernähren, wie am 10. und am 12. Juli. Für manche war es sogar der Tag, an dem ihre "informell" errichtete Behausung abgerissen wurde. Sie werden die Regierung von Jacob Zuma an deren eigenen Resultaten messen: Wenn sie es nicht schafft, ebenso effizient die Lebensumstände der Menschen in den Elendssiedlungen zu verbessern, wie sie es geschafft hat, der Welt ein Fußballfest zu bescheren, sind soziale Unruhen vorprogrammiert.
Düstere Vorzeichen gibt es bereits: Während am Montag die Fans scharenweise ihre Flugzeuge bestiegen, wurden in den Townships der Westkap-Provinz neben der Polizei auch Armeeverbände stationiert: Es war wieder zu Übergriffen gegen (afrikanische) Ausländer gekommen. Das weckt Erinnerungen an die Pogrome des Jahres 2008, bei denen Dutzende Ausländer getötet wurden und geschätzte 100.000 zurück in ihre Heimatländer (vor allem Zimbabwe) fliehen mussten. Zuma wird alle Hände voll zu tun haben, dass auf das rauschende Fest nicht der große Kater folgt.

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