WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Alles wird gut, aber nichts wird günstiger - Hans-Jörg Bruckberger

Wer schlau ist, macht's den Staaten nach - und noch rasch Schulden

Wien (OTS) - Die Märkte spielen immer noch verrückt. Zumindest hat es den Anschein. Börsenkurse fallen ins Bodenlose, um danach so rasant zu steigen wie noch nie. Und doch steckt hinter allem eine Logik. Die Krise hält uns weiter in ihrem Bann, was außergewöhnliche Markttendenzen erklärt. Insgesamt scheint sich die Situation jedenfalls zu beruhigen, sprich zu normalisieren.

Das Besondere an der aktuellen Situation ist, dass vieles Neuland ist. Noch nie waren Staaten so verschuldet. Genauso wenig hat man aber je eine derart rasante Konjunkturerholung gesehen. Autobauer, die vor Kurzem noch Werksferien und Kurzarbeit einführen mussten, fahren plötzlich wieder Sonderschichten.

Vor diesem Hintergrund muss man auch die Entwicklung an der Zinsfront sehen. Konkret etwa jene des Euribor, das ist jener Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Und der hat zuletzt trotz stagnierender Leitzinsen wieder deutlich zugelegt. Das bereitet manch einem Beobachter Sorgen und schürt naturgemäß Ängste vor einer baldigen Zinserhöhung, die wiederum womöglich das zarte Wachstum abwürgen könnte.

Tatsächlich braucht man sich aber noch keine Sorgen zu machen. Denn auch die Entwicklung des Euribor muss im Kontext gesehen werden. In der ärgsten Finanzkrise war dieser hochgeschnellt, da sich die Banken untereinander nicht mehr über den Weg getraut haben. Dann kamen staatliche Krisenmaßnahmen sowie vor allem die Liquiditätsspritzen und Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB).

Und plötzlich fiel der Euribor, der traditionell und auch logischerweise über dem Leitzinsniveau notiert, eben unter dieses. Genau dort liegt er immer noch. Wenn er jetzt also steigt, heißt das nur, dass sich die Situation ganz einfach wieder etwas normalisiert. Und das ist erfreulich.

Natürlich bedeutet eine Normalisierung des Euribor aber auch, dass die Zeiten extrem günstiger Finanzierung vorbei sind. Schließlich dient er als Referenz für viele Finanzprodukte, allen voran für Kredite. Wenigstens dürften somit aber auch die braven Sparer auf höhere Einlagenzinsen hoffen. Bitter ist, dass die meisten Unternehmen die historisch günstigen Finanzierungskonditionen nicht nutzen konnten.

Zum einen, weil sie von den restriktiven Banken gar keinen Kredit (oder nur mit horrenden Aufschlägen auf den Euribor) bekamen, zum anderen aber auch, weil sich kaum jemand in so turbulenten Zeiten aus der Deckung wagt.

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