"DER STANDARD"Kommentar: "Paul hatte Glück, Sepp ist die Bank" von Fritz Neumann

Als größter Gewinner der Fußball-WM in Südafrika steht garantiert die Fifa da - Ausgabe vom 12.7.2010

Wien (OTS) - Fußball ist weitgehend ein Glücksspiel. Genauso gut wie die Niederländer hätten am Sonntag, nur zum Beispiel, die Brasilianer mit den Spaniern um den WM-Titel streiten können. Ihnen fehlte, als sie im Viertelfinale gegen die Niederlande mit 1:0 führten, das Glück in Form eines einzigen Schiedsrichterpfiffs, der angebracht gewesen wäre, als Kaká im niederländischen Strafraum gefoult wurde. Das nicht gegebene englische Tor gegen Deutschland, das argentinische Abseitstor gegen Mexiko - die Liste entscheidender Refereefehler ließe sich noch fortsetzen.
Der Spanier José María García-Aranda, Chef der Schiedsrichter-Kommission im Weltverband (Fifa), betont, 96 Prozent aller Entscheidungen seien richtig gewesen. Und er versteigt sich zu folgendem Vergleich: "Hier sind die besten Spieler der Welt im Einsatz, und von 15 Elfmetern wurden nur neun verwandelt, also 60 Prozent. Wenn man das mit den 96 Prozent vergleicht, waren die Schiedsrichterleistungen mehr als gut."
Längst schon wäre die Technik so weit, mit Torkamera oder elektronischem Chip im Ball die Anzahl strittiger Situationen zu minimieren. Und natürlich könnte die Fifa den Videobeweis zulassen oder Torrichter einsetzen. Doch sie tut es nicht, pfeift auf Technik und Fortschritt, angeblich, um dem Sport seinen Zauber zu erhalten. Jedenfalls lenken Diskussionen über Schiedsrichter - oder auch flatterhafte Fußbälle oder lautes Vuvuzela-Tröten - von vielleicht unangenehmeren Themen ab.
Denn jedes Glücksspiel bringt mit sich, dass es fast nur Verlierer gibt. Paul, der Krake, ist eine Ausnahme. Tintenfischforscher sprechen ihm übrigens jegliche hellseherische Fähigkeit ab. Paul, der mit seinen Tipps bei allen deutschen Spielen richtig lag, hatte einfach nur Schwein. Ob WM-Veranstalter Südafrika eine Ausnahme ist? Die einen sagen so, die anderen sagen so. Wie nach jedem Großevent wird es Untersuchungen geben über den angeblichen Werbewert und die -hört, hört - Umwegrentabilität. Wie nach jedem Großevent werden viele Menschen im Veranstalterland bald feststellen, dass sich für sie genau gar nichts verändert hat. Vom Stolz darauf, dass Südafrika eine feine WM organisierte, kann sich der Einzelne nichts kaufen.
Dafür herrscht Angst vor einer Herde "weißer Elefanten". Sechs neue Stadien und vier renovierte kosteten 1,6 Milliarden Euro. Fifa-Präsident Joseph "Sepp" Blatter sagt: "Kein Land in Europa hat solch tolle Arenen." Den jährlichen Unterhalt der tollen Arenen kalkuliert Südafrikas Regierung mit 150 Millionen Euro. Tragbare Nachnutzung ist in keinem Fall garantiert, nur in drei Stadien wird regelmäßig Rugby gespielt werden.
Blatter hatte Südafrika die WM gebracht und im Gegenzug die für seine Wiederwahl nötigen afrikanischen Stimmen erhalten. In Südafrika wurde er zunächst als "Heilsbringer" gefeiert und zuletzt angesichts der explodierenden Kosten heftig kritisiert. 2011 will Blatter (74) für seine vierte (vierjährige) Amtszeit als Fifa-Präsident kandidieren, vielleicht heimst er dann auch südamerikanische und asiatische Stimmen ein. Schließlich findet die WM 2014 in Brasilien statt, und für 2022 forciert Blatter Katar. Die Fifa wird sich auch weiterhin nicht an Kosten beteiligen, sie schafft schließlich laut Blatter "die Basis". In Südafrika streifte sie drei Milliarden Euro Gewinn ein. Altes Glücksspielgesetz - die Bank gewinnt immer.

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