DER STANDARD - Kommentar "Der Notstand an den Unis" von Alexandra Föderl-Schmid

Den Rektoren bleibt nur Selbsthilfe, denn die Politik agiert hilflos - Ausgabe vom 10./11.7.2010

Wien (OTS) - Deutschland macht es vor: Am Freitag gab der
Bundesrat grünes Licht für ein neues Stipendienprogramm, mit dem begabte Studierende besonders gefördert werden sollen. Die leistungsstärksten zehn Prozent der Studenten bekommen 300 Euro monatlich - rückzahlungsfrei und unabhängig vom Einkommen der Eltern. Die Hälfte des Betrags sollen die Hochschulen bei Sponsoren vor allem in der privaten Wirtschaft auftreiben, die anderen 150 Euro kommen vom Staat. Das voll ausgebaute Stipendienprogramm soll 630 Millionen Euro kosten.
Am gleichen Tag in Österreich: 10.500 junge Menschen haben sich für die in Wien, Graz und Innsbruck stattfindenden Aufnahmetests für das Medizinstudium angemeldet, sie rittern um 1500 Plätze.
Und Wissenschaftsministerin Beatrix Karl will sich nicht zu der von ihrer Vorgängerin Elisabeth Gehrer in Auftrag gegebenen Studie äußern, die besagt, dass österreichische Universitäten einen beträchtlichen Rückstand gegenüber deutschen und Schweizer Unis haben, was die finanzielle Ausstattung betrifft.
Die Studie wird seit fünf Jahren unter Verschluss gehalten - aus gutem Grund. Denn die Situation hat sich nicht verbessert, im Gegenteil. Der freie Hochschulzugang ist eine Lebenslüge wie die Neutralität, die Realität sieht ganz anders aus. Nicht nur an der Medizin-Uni werden die Bewerber ausgesiebt: Offiziell gibt es eine Selektion oder Zugangsregeln an der Veterinärmedizinischen Uni, in den Fächern Psychologie, Publizistik und bei den künstlerischen Studien. Ab Herbst versucht auch die Wirtschaftsuniversität Wien mit Entscheidungsprüfungen in der Eingangsphase, den Studentenandrang zu bewältigen.
Die Universitäten greifen zu Notwehraktionen, weil sie von der Politik alleingelassen werden. Ministerin Karl gestand zwar ein, dass der freie Hochschulzugang "ein Problem" sei. "Unzumutbar" für Lehrende und Studierende die Zustände in jenen Fächern, bei denen Massenandrang herrscht. Die frühere Jus-Dozentin wirkte im ZiB 2-Interview hilflos bei der Frage nach den Konsequenzen, die sich aus dieser Zustandsbeschreibung ergeben.
Sollte der ÖVP-Ressortchefin gelingen, mit Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) ein Abtauschgeschäft einzufädeln - die SPÖ gibt den freien Hochschulzugang auf, die ÖVP stimmt der Gesamtschule zu. Eine Umsetzung ist vor nächstem Jahr auf keinen Fall zu erwarten. Außerdem wäre das höchstens eine Erste-Hilfe-Maßnahme, aber keine grundlegende Änderung der Politik. Denn noch gilt die Vorgabe, dass die Uni-Budgets ab 2013 eingefroren werden müssen. Das heißt im Klartext: Es gibt Kürzungen in allen Bereichen, auch beim Personal. Zum Vergleich wieder Deutschland: Trotz eines Sparpakets im Ausmaß von 80 Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren gibt es zwölf Milliarden Euro für die Universitäten und die Forschung - zusätzlich. In Österreich herrscht schon jetzt Notstand an den Universitäten. Exzellenz wird zwar rhetorisch angepeilt, aber nicht - wie in Deutschland mit der Eliteförderung - praktisch angegangen.
Am Beispiel der Universitäten wird deutlich, worauf wir uns in Österreich in den nächsten Jahren einstellen müssen: Es muss gespart werden, Reformen sind nicht vorgesehen. Den Rektoren bleibt nur Selbsthilfe, die Politik agiert hilflos.

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