Die Presse - Leitartikel: "Die Krake weiß es besser", von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 10.07.2010

Wien (OTS) - Die Fußball-WM ist ein Weltereignis, weil sie dem aufmerksamen Beobachter die Welt erklären kann.

Nach dem Verlauf dieser Fußballweltmeisterschaft kann man verstehen, dass man sich inzwischen lieber auf die Vorhersage eines Tintenfischs namens Paul aus dem Großaquarium Sea-life in Oberhausen verlässt als auf die sogenannten Experten. Auch wir in der "Presse"-Redaktion haben uns ja, was die Beratungsleistungen in den diversen Tippgemeinschaften betrifft, schon nach der Gruppenphase von den Spezialisten aus der Sportredaktion ab- und unserem "Economist"-Chef Franz Schellhorn zugewandt. Schellhorn ist die Antwort des Journalismus auf Paul, die Krake.
Was lernen wir daraus? Erstens, dass der Fußball zu wichtig ist, als dass man ihn den Experten überlassen könnte. Zweitens, dass man Albert Camus' Behauptung, er habe alles, was er über Moral gelernt habe, auf dem Fußballplatz gelernt, immer noch einiges abgewinnen kann.
Auch die laufende Weltmeisterschaft, die nach übereinstimmender Einschätzung von Krake Paul, Krake Schellhorn und dem Autor dieser Zeilen von Spanien gewonnen werden wird (ich weiß, letzten Sonntag tippte ich noch auf Deutschland - aber sagte nicht der große Konrad Adenauer, er interessiere sich nicht für sein Geschwätz von gestern?), hält eine Reihe von Lehren bereit.
Bleiben wir bei Deutschland: Politikern wird dringend geraten, das Verhalten des deutschen Bundestrainers Joachim Löw zu studieren (ja, weniger magistratsbeamtenhaft anziehen könnten sie sich auch): Er hat gegen den Widerstand vieler Medien auf sogenannte Stars und Patentrezepte verzichtet und auf ein junges Team gesetzt, das alle Welt durch "undeutschen Spaßfußball" begeistert hat. Nur ein Mal verordnete er seiner unbekümmerten Multikultitruppe eine Überdosis an den preußischen Sekundärtugenden Disziplin, Defensive und Konsequenz - und die Konsequenz war das Ausscheiden.

Spanien und die Niederlande, die den schwierigeren, riskanteren Weg des Offensivfußballs gegangen sind, bestreiten das Finale. Natürlich muss man in Rechnung stellen, dass sich der begeisternde deutsche Fußball vor allem in Konterchoreografien gezeigt hat, die durch glückliche frühe Tore möglich wurden - aber auch zu solchen Toren wäre man mit dem sauertöpfischen Fehlervermeidungsfußball früherer Jahre nicht so leicht gekommen.
Erhellend ist auch ein Blick auf das frühe Ausscheiden der früheren Fußballgroßmächte Italien und Frankreich. Überall dort, wo Eigen- und Fremdwahrnehmung so weit auseinanderklaffen wie beim Titelverteidiger und beim Vizeweltmeister, ist spektakuläres Scheitern unausweichlich. Die Saturiertheit und Selbstüberschätzung der eitlen Repräsentanten eines old boys network mit ihrer strukturellen, personellen und spielerischen Verknöcherung ließ und lässt sich mit der globalen Realität eines athletischen, hungrigen, neugierigen und kreativen Sportsgeistes, wie er von einigen afrikanischen und südamerikanischen, vor allem aber von den erfolgreichen europäischen Mannschaften gezeigt wurde, nicht einmal mehr annähernd in Einklang bringen.
Ist es ein Zufall, dass das, was sich über den französischen und italienischen Fußball sagen lässt, auch für die italienische und französische Politik gilt? Sarkozy und Berlusconi, die Weltmeister der Selbstüberschätzung und -inszenierung, haben vor lauter Begeisterung über sich und ihre Wirkung auf Frauen, Medien und die Welt vergessen, dass ihre Länder ökonomisch nicht einmal die Chance aufs Achtelfinale haben. Dass die Franzosen seit einiger Zeit den Deutschen ihre hohe Produktivität und Konkurrenzfähigkeit zum Vorwurf machen, sagt ungefähr alles.

Nein, man kann Fußball und Politik nicht direkt vergleichen. Aber man kann sehen, dass überall dort, wo es um Führung, Interaktion, Entscheidungsfähigkeit und Kommunikation geht, ähnliche Haltungen und mentale Prädispositionen eine Rolle spielen. Dass eine Fußballweltmeisterschaft zu jenen raren Ereignissen zählt, die man mit Recht ein "Weltevent" nennen kann, wird wohl genau damit zu tun haben: Dieses Spiel hält für den aufmerksamen Beobachter ein Repertoire an Verhaltenstechniken bereit, das so breit ist, dass man damit viel mehr aus- und vorhersagen kann als nur den Ausgang eines einzelnen Spieles.
Die Mannschaft, deren Spiel man mit der politischen Verhaltensdynamik der österreichischen Politspitze vergleichen könnte, war in Südafrika naturgemäß nicht zu sehen. So wie unsere Große Koalition regiert, spielt nur Österreich. Und das hat bei einer WM nichts verloren.

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