DER STANDARD-KOMMENTAR "Studieren für nichts" von Michael Völker

Die Hochschulpolitik hat versagt, die Unis werden im Regen stehen gelassen - Ausgabe vom 6.7.2010

Wien (OTS) - Die Politik hat versagt. Sie lässt die Universitäten im Stich. Jetzt greift die Wirtschaftsuniversität Wien zur Selbsthilfe. Es gibt eine Art Knockout-Phase, auch wenn die nicht so heißen darf. Tatsache ist aber: Studenten werden hinausgeprüft.
Um den Ansturm an neuen Studenten bewältigen zu können, wollte auch die Wirtschaftsuni auf den sogenannten Notfallparagrafen zurückgreifen, der im Fall untragbarer Zustände Zugangsbeschränkungen möglich macht. Die WU hätte eine Anzahl an Studienplätzen vorgeben und Aufnahmsprüfungen durchführen können. Das wollte die SPÖ nicht, der Notfallparagraf sei primär auf den Andrang deutscher Studenten abgestellt. Also soll die WU weiterwurschteln wie bisher. Das kann sie aber nicht, das ist eine Verkennung der Realität. 7000 wollen ein Studium beginnen, für 2000 gibt es Kapazität.
Während die Koalition noch nachdenken muss und verhandeln will, stellt sich die WU dem Problem und nimmt in Angriff, was sich die Politik vorgenommen hat: Eine Neugestaltung der Studieneingangsphase.

Das System sieht vor, dass ab dem kommenden Semester alle neuen Studenten mindestens vier vorgeschriebene Prüfungen absolvieren müssen, bevor sie weitere Vorlesungen besuchen können. Rektor Christoph Badelt möchte die "leistungs- und prüfungswilligen" Studenten fördern. Die anderen müssen gehen.
Das ist brutal, aber solange die Politik den Universitäten nicht mehr Mittel zur Verfügung stellt und sie auch hinsichtlich der Instrumente zu einer Reduzierung der Zahl von Studenten im Regen stehen lässt, ist es immerhin eine Möglichkeit, mit dem Ansturm an Interessenten umzugehen.
Optimal ist diese Methode freilich nicht. Bei einer Aufnahmsprüfung würden die Studienwilligen rasch und klar wissen, ob sie dieses Studium beginnen können oder nicht. Und sie könnten mit erträglichen Zuständen rechnen. Mit der WU-Methode beginnen sie erst einmal zu studieren und haben dann eine hohe Chance zu scheitern. Mit ein bisschen Pech und weniger Fleiß oder Geschick verlieren sie auf diese Art Jahre, die ausbildungstechnisch für nichts waren. Dann heißt es:
zurück an den Start.
Im Medizinstudium sind Aufnahmsprüfungen längst Standard, am kommenden Freitag werden sich an den drei Standorten Wien, Graz und Innsbruck etwa mehr als 10.000 inter_essenten um 1500 Plätze matchen. Wer hier scheitert, hat vielleicht ein paar Illusionen, aber wenigstens keine Zeit verloren.
Neu sind Aufnahmsprüfungen für das Publizistik-Studium. Am 13. September werden 1529 Glückliche ermittelt, die studieren dürfen. Das werden um 40 Prozent weniger sein, als eigentlich wollten. Und dennoch: Wollen die alle Journalisten werden?
Den freien Hochschulzugang gibt es nicht mehr, das ist eine Realität. Studiengebühren sind eine Möglichkeit, die Zahl der Studenten zu reduzieren, aber das trifft die sozial Schwachen, die eigentlich gefördert gehören.
Eine Reduktion nach finanziellen Möglichkeiten ist ungerecht. Eine Auswahl der Studenten nach den Kriterien Leistungsbereitschaft, Motivation, Eignung und Talent macht eindeutig mehr Sinn. Dem müsste sich die Politik endlich stellen.
Den Universitäten steht das Wasser bis zum Hals, in vielerlei Hinsicht, auch finanziell. Und das ist schlicht und einfach ein Schande. Hier wird Zukunft verspielt.

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