"KURIER"-Kommentar von Josef Votzi: "Elite-Auswahl per Armin Assinger-Quiz"

Der Dauer-Notstand an den Unis und Schulen ist lebensgefährlich fürs ganze Land.

Wien (OTS) - Erinnern Sie sich noch? Vergangenen Herbst war das sperrige Thema Bildung in aller Munde. Studentenproteste sorgten für Debatten über das Chaos an den Unis. Was ist seither passiert? Im Wissenschaftsministerium schlägt sich eine neue Chefin mit den alten Problemen herum. An den total überlaufenen Unis herrschen "unmenschliche Zustände", sagt der Rektor der Wiener Wirtschaftsuni, Christoph Badelt. Der Ex-Rektorenchef erwartet für Herbst mehr als 7000 Studienanfänger. Personell und räumlich verkraftet die Uni nur 1300 Erstsemestrige. Mehr Geld aus dem Wissenschaftsbudget ist nicht in Sicht. Auch zum Wunsch, den "Notfallparagrafen" zu aktivieren, der Platzbeschränkungen erlaubt, sagte die Regierung Nein (siehe Bericht Seite 4).
Jetzt zieht Badelt die Notbremse und ändert im Schnellverfahren die Studienpläne. Jeder Anfänger muss vier Prüfungshürden überspringen, bevor er weitermachen darf. Unausgesproches Ziel:
Rausprüfen, bis der knappe Platz für die "Überlebenden" reicht. Weil es bei 7000 Neuanfängern gar nicht anders geht, erwartet sie im Herbst vor dem "Gaudeamus igitur" eine Reihe von Multiple-Choice-Tests. Eine Art Armin-Assinger-Quiz für Akademiker:
Wer knackt die Hürde für einen Studienplatz? Badelts Knock-out-Prüfungen à la "Millionenshow" sind ein verständlicher Notwehrakt.
Und was tut die Politik? In der Großen Koalition flackert der Streit um Zugangsbeschränkungen in unregelmäßigen Abständen auf. Die Lösung? Die ist nach einem Jahrzehnt explodierender Studentenzahlen noch immer nicht in Sicht. Und zur existenziellen Frage, woher die fehlenden Milliarden für die maroden Unis herkommen sollen, herrscht seit dem heißen Studenten-Herbst Funkstille. "In der Politik geht es viel öfter darum, lieber dem Gegner eins auszuwischen, als eine Lösung zu finden", sagt Badelt.
Was war das für ein Getöse, als Wissenschaftsministerin Beatrix Karl Mitte Mai das "Gymnasium für alle bis 14", vulgo Gesamtschule, forderte. Die Lehrergewerkschaft sah einen "ausgesprochenen Skandal". Der Skandal ist die Realität in den Schulen. Der erste Schulversuch zur Gesamtschule in Wien-Liesing wurde in der Aufbruch-Ära Kreisky in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gestartet. Die Pionierschule haben inzwischen fünf Generationen an Mittelschülern absolviert; sie ist somit das längstdienende Dauerprovisorium der Schulpolitik, firmiert aber offiziell immer noch als Schulversuch.
Und was macht die Politik 2010? Frühestens im Herbst werden sich die ÖVP und danach die Koalition auf eine Linie verständigen. Für eine neue Schulgeneration beginnt zeitgleich der "Ernst des Lebens" -ohne ernsthafte Aussicht auf Besserung noch in diesem Schülerleben. Die Industrie wandert unumkehrbar in Billiglohnländer ab. Die bestmögliche Ausbildung für die "Wissensgesellschaft" ist die Existenzgrundlage für die kommenden Generationen. Und damit fürs ganze Land.
Und was macht die Regierung? Sie zwingt verzweifelte Rektoren zur Elite-Findung per Armin-Assinger-Quiz.

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