Offener Brief von Glawischnig an Ruttensdorfer betreffend OMV-Tiefseebohrungen

OMV stärker an Tiefseebohrungen beteiligt, als sie zugeben will

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Generaldirektor,

Vor dem Hintergrund des Öl-Gaus im Golf von Mexiko, der wahrscheinlich größten Umweltkatastrophe der Geschichte, werden Tiefseebohrungen jetzt grundsätzlich in Frage gestellt:

"Unglücke wie das im Golf von Mexiko zeigen, dass wir die Sache nicht im Griff haben. (...) Das sind die Folgen der Anwendung von Techniken, die man nicht beherrscht." (Wolfgang Blendiger, Professor für Erdölgeologie, fokus.de, 20.5.2010)

"Die Bedingungen ähneln eher der Arbeit auf dem Mond als auf der Erde. Das Risiko wurde unterschätzt. Man dachte es sei minimal, obwohl es in Wahrheit maximal ist." (Robert Bea, Professor für Marine-Technolgie, Berkeley, Stern.de, 4. Juni 2010)

"Ich glaube, über Tiefseebohrungen muss nach diesem Fall neu nachgedacht werden."
(Lamar McKay, BP-Chef USA, BR-online, 16.6.2010)

Sie selbst haben in Stellungnahmen mehrfach betont, dass die OMV kaum an Ölbohrungen in der Tiefsee beteiligt ist:
"Wir sind vorwiegend onshore tätig. (...). Wir haben derzeit keine Tiefwasserbohrungen geplant. Wir sind an einigen beteiligt, aber unsere Stärke liegt auf onshore-Produktion. Das unterscheidet uns von dem Fall, der eine Tragödie ist." (Wolfgang Ruttenstorfer, Wiener Bezirkszeitung, 16.6.2010)

In deutlichem Widerspruch dazu stehen Aussagen Ihres Explorationschefs:
"Der Trend geht bei uns - so wie bei allen internationalen Konzernen - in Richtung Tiefsee: In die britische Nordsee, Norwegen, das Mittelmeer vor Nordafrika, das Schwarze Meer und Australien sowie Neuseeland. Wie bohren dort in Tiefen bis zu 2500 Meter." (OMV Explorationschef Helmut Langanger, Kurier, 14.3.2010)

Laut Angaben auf der Homepage Ihres Konzerns ist die OMV deutlich stärker an Tiefseebohrungen beteiligt, als Sie das die Öffentlichkeit glauben machen wollen. In Nord- und Westeuropa fördert die OMV in der Tiefsee vor Norwegen, der Barentsee, der Nordsee, im Gebiet der Faröer Inseln und in den als besonders gefährlich geltendem Gebiet westlich der Shetland Inseln (Großbritannien, Irland). Dazu kommen eigene Projekte und Beteiligungen in der Tiefsee vor Neuseeland, Australien, in Nordafrika (Ägypten, Tunesien, Lybien), im Mittleren Osten, in Kasachstan, Rumänien, Russland/Kaspische Region.

Auf Grund der widersprüchlichen Aussagen von Ihnen einerseits und Ihrem Explorationschef bzw. Angaben auf der OMV-Homepage andererseits ersuchen wir Sie daher um Auskunft zu den Tiefsee-Projekten der OMV. Wir sind der Auffassung, dass Informationen darüber auf Grund der kalkulierbaren Risken nicht alleine Sache der Ölkonzerne sind, sondern die Öffentlichkeit ein Recht auf Klarheit hat.

An welchen Standorten ist die OMV oder eine OMV-Tochtergesellschaft an der Exploration von bzw. Produktion aus Off-Shore-Projekten beteiligt? An welchen dieser Standorten wird in Tiefen jenseits von 200 Meter gebohrt? Welche Off-Shore Projekte sind seitens der OMV oder einer OMV-Tochtergesellschaft in den kommenden Jahren geplant? Bei welchen dieser Projekte soll dabei in Tiefen jenseits von 200 Meter gebohrt werden? An welchen Standorten ist die OMV als Betriebsführer aktiv?

Finanzmittel in welcher Höhe haben die OMV und OMV-Tochtergesellschaften seit 2006 in Offshore-Projekte investiert, wie viel davon in Projekten von Tiefen über 200 m? Wie hoch sind die geplanten Investitionen der OMV im Bereich Tiefseeprojekten in den kommenden Jahren? Wird sich die OMV für die vor kurzem neu ausgeschriebenen Tiefsee-Lizenzen vor Norwegens Küste bewerben? Wie hoch sind Umsatz und Gewinn der OMV aus Off-Shore Projekten und Beteiligungen in den Jahren seit 2006? Für welche Schäden haftet die OMV im Fall von Ölkatastrophen? Gibt es eine Haftungsobergrenze, falls ja wo liegt diese? Hat die OMV für Ölkatastrophen eine Deckungsvorsorge?

Wie viel Geld und in welche konkreten Projekte hat die OMV seit 2006 in den Bereich Erneuerbare Energien investiert?

Ist die OMV bereit, Fördermethoden auszuschließen, die unverantwortlich hohe Risiken oder Umweltzerstörungen nach sich ziehen wie z.B. auch die Förderung von Ölsanden?

Sind Sie bereit, das Engagement der OMV in Tiefseeprojekten zu überdenken?

Ihrer baldigen Stellungnahme sehen wir mit großem Interesse entgegen.

Mit freundlichen Grüßen,

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