Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises für das politische Buch des Jahres 2009

Hauptpreis an Erhard Stackl für seine differenzierte Darstellung der politischen Ereignisse um 1989

Wien (OTS/SK) - Gestern Abend wurde im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung von SPÖ-Bildung, SPÖ-Parlamentsklub und Renner-Institut der Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch des Jahres 2009 vergeben. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, Altkanzler und Jury-Mitglied Alfred Gusenbauer, EU-Abgeordneter und Juryvorsitzender Hannes Swoboda sowie Wiens Vizebürgermeister Michael Ludwig übergaben im Bruno-Kreisky-Forum den Hauptpreis an Erhard Stackl für sein Buch "1989. Sturz der Diktaturen". Elisabeth Röhrich wurde mit einem Anerkennungspreis für ihr Werk "Kreiskys Außenpolitik. Zwischen österreichischer Identität und internationalem Programm" ausgezeichnet. ***

In einer Zeit der zunehmenden Entpolitisierung sei es besonders wichtig, Gegentrends zu setzen und das Interesse der Menschen für Politik wiederzuerwecken, so Nationalratspräsidentin Barbara Prammer in ihrer Eröffnungsrede. Bücher von Menschen, die außerhalb der Politik agierten, eigneten sich häufig besonders als Transportmittel zur Vermittlung politischer Inhalte. "Mein Dank gilt daher den Preisträgern für ihr Engagement", so Prammer, die Erhard Stackl und Elisabeth Röhrich, welche nicht an der Preisverleihung teilnehmen konnte, herzlich gratulierte.

Gusenbauer: Scharfe Analyse und teilnehmende Berichterstattung zeichnen Stackl aus

Als Jurymitglied, der dieses "äußerst lesenswerte Buch" selbst vorgeschlagen hatte, erläuterte Altkanzler Gusenbauer die Beweggründe, die zur Entscheidung der Verleihung des Hauptpreises an Stackel geführt hatten. Als Datum sei das Jahr 1989 bereits vielfach beleuchtet worden, so Gusenbauer. Stackl jedoch nehme eine breitere Perspektive ein, von der aus er die Wende von `89 nicht als Einzelereignis aus betrachte, sondern als Teil eines Prozesses, der bereits viel früher einsetzte, in der "Entspannungspolitik" der siebziger Jahre, die zu größeren politischen Freiräumen gerade in Osteuropa geführt hätten. "Der Kontext der prozessartigen Analyse ist das wesentliche Element in diesem Buch", hob Gusenbauer hervor. Stackl schildere die Parallelität der Ereignisse in Polen, Ungarn, Chile und Argentinien, wo es damals ebenfalls zum Sturz von Diktaturen und zum Übergang in demokratische Verhältnisse gekommen sei. Dabei gelänge es dem Journalisten, die historischen Abläufe so zu schildern, "als wäre man dabei. Er lässt den Leser teilhaben, indem er neben seinen scharfen Analysen, die politischen Ereignisse narrativ darstellt", so Gusenbauer.

Das Jahr 1989 mit seinen samtenen Revolutionen habe das 20. Jahrhundert beendet, "aber ein neues Zeitalter tiefer Umbrüche eingeleitet", sagte der Altkanzler in Bezug auf die aktuelle politische Dimension des Buches. Das Nachkriegsparadigma des ökonomischen Aufstiegs der breiten Masse habe seine Gültigkeit verloren. Das spiegle sich im Unwohlsein der Bevölkerung angesichts von Spar- und Konsolidierungsmaßnahmen wieder. "Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit stellt sich heute in einer ganz anderen Dramatik", konstatiert Gusenbauer. Gleichzeitig gewinne man bei der Lektüre des Buches den Eindruck, westliche Gesellschaften seien nicht mehr krisenerfahren und müssten den Umgang mit ihnen erst wieder erlernen. Stackls Buch liefere dem Leser dafür jedoch eine Art "Erstausstattung", so Gusenbauer, der dem Buch "größtmöglichen Erfolg" wünschte.

Swoboda: Lehren aus der Vergangenheit ziehen

Die Sympathie des Demokraten kann nur auf Seiten derjenigen stehen, die Widerstand leisten, zitierte Juryvorstand Hannes Swoboda den Namensgeber des Preises Bruno Kreisky. "Diktaturen sind Diktaturen. Es gibt nur ein Dafür oder Dagegen", so Swoboda. Und so sei es ein legitimes Vorgehen des Autors, den Zusammenbruch der Diktaturen in Osteuropa und Lateinamerika in einen direkten Zusammenhang zu stellen. Stackls Buch verfolge in erster Linie nicht den Zweck, historische Ereignisse nachzulesen, sondern Lehren aus ihnen zu ziehen, erläuterte Swoboda. "Dieses Buch ist ein Buch, das zeigt, was wir noch nicht erledigt haben und wofür wir weiterhin kämpfen müssen", sagte der EU-Abgeordnete und nannte etwa die Durchsetzung der Menschrechte auch in diktatorischen Staaten.

Dass auch Bruno Kreisky Lehren aus der Vergangenheit gezogen habe, schildere Elisabeth Röhrich in ihrem Buch über Kreiskys Außenpolitik, so Swoboda. Röhrich zeige, wie persönliche Erlebnisse und historische Ereignisse, wie der Zusammenbruch des Kaiserreichs, die Flucht aus Österreich oder das Leben im Exil Kreiskys Politik nachhaltig beeinflusst hätten und letztlich im Bekenntnis Österreichs zur Neutralität mündeten. Kreisky habe immer auf Diplomatie und Verhandlungen gesetzt und stets gewaltfreie Lösungen angestrebt, sagte Swoboda. Bei der Lektüre werde dem Leser geradezu tragisch bewusst, wie weit Kreisky in seinem politischen Denken seiner Zeit voraus war, "wie weit er schon gedacht und gehandelt hat und wie wenige den Mut hatten, ihm zu folgen", so der Juryvorsitzende.

Stackl: Auszeichnung ist Auftrag, weiterzumachen

Hauptpreisträger Erhard Stackl bedankte sich für die "hohe Anerkennung", welche die Auszeichnung für ihn bedeute. Diese freue ihn besonders, da er zunächst mit seiner Idee einer vergleichenden Darstellung der Ereignisse in Osteuropa und Lateinamerika auf wenig Verständnis stieß. "Viele sahen da keinen Zusammenhang", erzählt Stackl, für den es aber wesentlich war, zum Jubiläum der Wende von 1989, die Ereignisse in Deutschland nicht alleinig in den Mittelpunkt zu stellen. "Es ist meine Überzeugung, dass es wichtig ist, die Gemeinsamkeiten von historischen Ereignissen herauszuarbeiten, um eventuelle Gesetzmäßigkeiten zu entdecken und Lehren für die Zukunft aus ihnen zu ziehen. Ich betrachte diese Auszeichnung als Auftrag, damit weiterzumachen", so Stackl abschließend. (Schluss) sc

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