"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Blaue Masten sind zuwenig" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 02.07.2010

Wien (OTS) - Der "Verbund", Österreichs größter Stromkonzern, bekommt vom Bund und den anderen Aktionären eine Milliarde Euro, um die Wasserkraft auszubauen.

Das ist eine nette und nützliche Geste der Regierung. Wenn der Staat mit seiner gesetzlich vorgeschriebenen 51prozentigen Beteiligung nicht mitzieht, bliebe dem Verbund der Weg auf den Kapitalmarkt ja verwehrt.

Zum Ausbau der Wasserkraft mangelt es in Österreich aber nicht so sehr am Geld. Das könnte sich der Verbund notfalls auch ziemlich mühelos und relativ billig über Kredite und Anleihen beschaffen. Der Engpass sind die notwendigen Baugenehmigungen.

Die Verfahren dauern einfach zu lange. "In Europa können sie in fünf Jahren vielleicht einen Hochspannungsmast blau anstreichen. Eine neue Leitung bauen können sie in dieser Zeit aber sicher nicht", hat EU-Energiekommissar Günther Oettinger kürzlich bei einer Veranstaltung in Wien etwas überspitzt kritisiert. Verbundchef Wolfgang Anzengruber hat ihm vorbehaltlos zugestimmt: "20 Jahre zwischen Planung und Inbetriebnahme für 200 Kilometer Stromleitung sind heutzutage - nicht nur in Österreich - keine Seltenheit."

Österreich hätte die Chance, zur Stromdrehscheibe für ganz Europa zu werden. Bei Erdgas gelingt das: Untergrundspeicher und Verdichterstationen der OMV in Baumgarten an der March (NÖ) spielen eine Schlüsselrolle bei der Verteilung von russischem Erdgas. Ein Drittel des gesamten westeuropäischen Bedarfs läuft hier durch.

Bei Strom ist es ähnlich: Wenn Windkraft in Nordeuropa und Photovoltaik in Südeuropa zu tragenden Säulen in der Versorgung werden sollen, sind Leitungen und Speicher notwendig: Wind und Sonne sind nicht immer gleichmäßig verfügbar, ein Ausgleich ist notwendig. Speicherkraftwerke sind dafür ideal, Österreich ist für Bau und Betrieb geradezu prädestiniert.

Die Regierung wird sich überlegen müssen, wie sie unter Rücksichtnahme auf den Umweltschutz die Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigen kann. Nur dann wird das Geld, das der Verbund jetzt von seinen Aktionären bekommen soll, auch tatsächlich rasch genug und an den richtigen Stellen investiert werden können.

Andernfalls bleibt es, um mit Energiekommissar Oettinger zu sprechen, bei blau angepinselten Masten - und bei Atomstromimporten aus nahegelegenen Kernkraftwerken.

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