- 28.06.2010, 18:30:10
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Grenzen des Wohlstands und seiner Definition - von Esther Mitterstieler
Die Definition allein ist nicht der Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit
Wien (OTS) - Was haben die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und
die Definition des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gemeinsam? Mehr als
uns lieb sein mag. Laut klassischer Definition steht das BIP für die
Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen einer
Volkswirtschaft. Es steht also auch als Indikator für den Wohlstand
und den Fortschritt einer Gesellschaft. Das ist nur ein Teil der
Wahrheit. Das BIP steigt nämlich auch, wenn die Reinigungsarbeiten
nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko in die Bilanz eingerechnet
werden. Das ist die Schwäche der BIP-Definition: Sie ist eine
Momentaufnahme, die scheinbar unbedeutende Nebenfaktoren
unberücksichtigt lässt. Die da wären: Gesundheitsvorsorge,
ehrenamtliche Arbeit, Umweltverträglichkeit. So gesehen hat
SP-Wirtschaftssprecher Christoph Matznetter Recht, wenn er das
wiederholt, was der französische Präsident Nicolas Sarkozy im
September vorigen Jahres gefordert hat: Das BIP kann nicht länger als
Gradmesser für den Wohlstand der Welt stehen, es bedarf neuer
Definitionsfelder. Die von Sarkozy eingesetzte Kommission mit zwei
Nobelpreisträgern - Joseph Stiglitz und Amartya Sen - an der Spitze
gelangte zu diesem Resultat. Und siehe da: Sarkozy, der zwei Jahre
zuvor noch zum Wachstum des BIP geblasen hatte, ließ plötzlich neue
Ziele verlauten.
In der Definition allein liegt sicher nicht der Schlüssel, eine
gerechtere Welt zu schaffen, weder in Österreich noch in einem
anderen Teil der Welt. Aber nach dem Ölbeispiel gibt es noch andere,
die zum Nachdenken anregen. Wird Tabak verkauft, trägt das gleich zum
BIP bei, wie die Behandlung der gesundheitlichen Schäden des
Rauchens. Die negativen Wirkungen eines SUVs werden genauso gezählt
wie die positiven der Bildungsinvestitionen.
Man mag zu den jeweiligen Themen stehen, wie man will, und etwa
Gesundheitsausgaben nicht per se positiv finden, weil manches
möglicherweise effizienter gestaltet werden könnte. Allein: Was der
Momentannahme in der BIP-Berechnung fehlt, ist halt doch der
menschliche Faktor. Trotzdem: Das BIP als Basis der
volkswirtschaftlichen Berechnung ist unverzichtbar. Erweitert durch
den von Amartya Sen entwickelten Human Development Index mit den
Hauptindikatoren Lebenserwartung, Bildungsniveau und Lebensstandard
könnte das BIP als besserer Gradmesser dienen. Noch ein wichtiger
Faktor darf nicht vergessen werden: die Umwelt. Wachstum, das auf den
Raubbau der Natur baut, ist schlechtes Wachstum und kann nicht
nachhaltig sein. Dabei ist gerade nachhaltiges Wachstum gefragt.
Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
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