WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Grenzen des Wohlstands und seiner Definition - von Esther Mitterstieler

Die Definition allein ist nicht der Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit

Wien (OTS) - Was haben die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und
die Definition des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gemeinsam? Mehr als uns lieb sein mag. Laut klassischer Definition steht das BIP für die Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft. Es steht also auch als Indikator für den Wohlstand und den Fortschritt einer Gesellschaft. Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Das BIP steigt nämlich auch, wenn die Reinigungsarbeiten nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko in die Bilanz eingerechnet werden. Das ist die Schwäche der BIP-Definition: Sie ist eine Momentaufnahme, die scheinbar unbedeutende Nebenfaktoren unberücksichtigt lässt. Die da wären: Gesundheitsvorsorge, ehrenamtliche Arbeit, Umweltverträglichkeit. So gesehen hat SP-Wirtschaftssprecher Christoph Matznetter Recht, wenn er das wiederholt, was der französische Präsident Nicolas Sarkozy im September vorigen Jahres gefordert hat: Das BIP kann nicht länger als Gradmesser für den Wohlstand der Welt stehen, es bedarf neuer Definitionsfelder. Die von Sarkozy eingesetzte Kommission mit zwei Nobelpreisträgern - Joseph Stiglitz und Amartya Sen - an der Spitze gelangte zu diesem Resultat. Und siehe da: Sarkozy, der zwei Jahre zuvor noch zum Wachstum des BIP geblasen hatte, ließ plötzlich neue Ziele verlauten.

In der Definition allein liegt sicher nicht der Schlüssel, eine gerechtere Welt zu schaffen, weder in Österreich noch in einem anderen Teil der Welt. Aber nach dem Ölbeispiel gibt es noch andere, die zum Nachdenken anregen. Wird Tabak verkauft, trägt das gleich zum BIP bei, wie die Behandlung der gesundheitlichen Schäden des Rauchens. Die negativen Wirkungen eines SUVs werden genauso gezählt wie die positiven der Bildungsinvestitionen.

Man mag zu den jeweiligen Themen stehen, wie man will, und etwa Gesundheitsausgaben nicht per se positiv finden, weil manches möglicherweise effizienter gestaltet werden könnte. Allein: Was der Momentannahme in der BIP-Berechnung fehlt, ist halt doch der menschliche Faktor. Trotzdem: Das BIP als Basis der volkswirtschaftlichen Berechnung ist unverzichtbar. Erweitert durch den von Amartya Sen entwickelten Human Development Index mit den Hauptindikatoren Lebenserwartung, Bildungsniveau und Lebensstandard könnte das BIP als besserer Gradmesser dienen. Noch ein wichtiger Faktor darf nicht vergessen werden: die Umwelt. Wachstum, das auf den Raubbau der Natur baut, ist schlechtes Wachstum und kann nicht nachhaltig sein. Dabei ist gerade nachhaltiges Wachstum gefragt.

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