"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Papier, das mehr ist als Krisenmanagement" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 24.06.2010

Graz (OTS) - 63 Seiten dick ist das Dokument, das die Bischofskonferenz gestern zu den Fällen sexuellen Missbrauchs in der Kirche vorgelegt hat. Einheitlich für ganz Österreich gibt es nun eine "Rahmenordnung", die verbindlich festlegt, wo Opfer Hilfe finden können und wie die Kirche auf solche Anschuldigungen reagieren wird. Eine Stiftung soll Opfern unbürokratisch finanziell helfen.

Das fällt alles unter Krisenmanagement. Kardinal Schönborn hat eine klare Linie vorgegeben und in der Kirche durchgesetzt. Die neuen Regeln machen es unwahrscheinlich, dass in ein paar Jahren wieder eine ähnliche Blase platzen kann wie dieses Frühjahr. "Die Wahrheit wird Euch frei machen", haben die Bischöfe biblisch auf das Deckblatt ihres Dokuments geschrieben. Heute würde man eher von Transparenz sprechen, aber gemeint ist in diesem Fall dasselbe.

Liest man auch noch die ausführlichen Vorbemerkungen durch, wird die Tragweite der kirchlichen Reaktion auf das Desaster der letzten Monate erst so richtig deutlich. Aus der Ursachenanalyse geht nämlich hervor, dass sich die Kirche auf ein sehr langfristiges, langwieriges Projekt einlassen will. Es betrifft eines der heikelsten Felder menschlichen Lebens: die Sexualität.

"Eine notwendige grundlegende Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität darf und kann nicht bloß durch Frömmigkeit und asketisches Bemühen ersetzt werden", schreiben die Bischöfe da. Das betrifft die Priester-Erziehung. Dann sprechen sie von "strukturellen Bedingungen sexueller Gewalt" und die reichen weit über den Innenraum von Kirche hinaus. Sie warnen vor der "Spiritualisierung von Macht" und nennen "traditionelle Vorstellungen zur Erziehung" und generell das verkorkste Verhältnis zur eigenen Sexualiät als Nährboden für solche Missetaten. All das sind Themen, die in der Kirche als Tabu galten und weithin noch gelten. Schließlich sind sowohl die Geschlechterrollen als auch die "traditionellen Vorstellung von Erziehung" nicht ganz ohne Zutun der Kirche entstanden.

Es war vermutlich nicht leicht, eine solche Analyse den österreichischen Bischöfen abzuringen. Noch schwerer wird es werden, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Das ist ein Langzeitprojekt, das die Kirche tief und zum Positiven verändern könnte. Wenn es denn über die Analyse hinauskommt.

Kardinal Schönborn scheint dazu entschlossen. "Das war auch eine Reinigung, für die ich dankbar bin", sagte er bei der Vorstellung des Papiers, und es klang glaubwürdig.****

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