Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Neue Werte"

Ausgabe vom 24. Juni 2010

Wien (OTS) - Für die allermeisten von uns ist die Welt eine ziemlich komplizierte, unendlich verworrene Angelegenheit. (Wenn man die Geschichte von der Entstehung dieser Krise und die widersprüchlichen Rezepte zur Lösung derselben berücksichtigt, könnte man auch zum Schluss kommen, dass durchaus die diversen Experten vor einem Rätsel stehen.) Kein Wunder, dass Vertrauen zur neuen globalen Währung in der Politik aufgestiegen ist. Wir wählen Politiker, die uns das vage Gefühl geben, dass sie wissen, was nun zu tun ist. Die Betonung liegt dabei auf Gefühl, nicht auf Wissen.

Im Gegensatz zu zwischenmenschlichen Beziehungen ist aber Vertrauen in der großen Politik keine Sache gleicher Partner. Der Politiker ist oben, zumindest aber ganz weit weg, und wir kleinen Bürgerlein erwarten uns von ihm die Lösung all unserer Erdenpein. Ein Geschäft zum beiderseitigen Vorteil, das zweifellos, aber eines mit klar hierarchischer Rollenverteilung. Mündige Bürger sollten eigentlich anders ticken - Politiker übrigens auch.

Noch viel deutlicher wird das neue beschränkte bürgerliche Selbstverständnis in der Krise bei der Sehnsucht nach Sicherheit:
Nicht nur für Hab und Gut, Leib und Leben, sondern quasi Vollkasko -und am liebsten von der Wiege bis zur Bahre.

Professionelle Politik, die längst mit umfangreichen Umfragen und Studien arbeitet, registriert solche tektonischen Verschiebungen in den Wertegefügen der Bürger sehr genau und adaptiert ihr Programm, ihre Versprechungen entsprechend.

Kein Wunder, dass von "Freiheit wagen" keine Rede mehr ist im politischen Diskurs. Und wenn, dann als Missstand, der durch neue Regulierungen behoben werden muss. Weil diese Krise angeblich lehrt, dass zu viel Freiheit schädlich ist. Die Finanzindustrie hat es schließlich vorgelebt.

Zweifellos stimmt das sogar. Ebenso wahr ist jedoch, dass auch noch so viele neue Vorschriften die nächste Krise nicht verhindern werden. Das Prinzip "Versuch und Irrtum" ist das Geheimnis unser aller Wohlstandes. Nehmen wir uns selbst die Möglichkeit, uns zu irren, werden wir nie neue Lösungen für bestehende und künftige Probleme entdecken. Das wäre dann unser größtes Problem.

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