"Die Presse" - Leitartikel: Der versteckte Rassismus im Sportjournalismus, von Gerhard Hofer

Ausgabe vom 22.06.2010

Wien (OTS) - Die Berichte von der Fußball-WM zeigen, mit welchen Vorurteilen Europas Afrika-Bild nach wie vor behaftet ist.

Manchmal kann Lob die schlimmste Form der Beleidigung sein. Bei der Fußballweltmeisterschaft zum Beispiel loben die Fernseh- und Zeitungsreporter die afrikanischen Spieler über alle Maßen. Da wird so viel gelobhudelt, dass man meinen könnte, der afrikanische Fußball spiele alles an die Wand. Tatsächlich spielt er rein sportlich betrachtet keine Rolle. Südafrika, der Gastgeber, wird sich heute aus dem Turnier verabschieden. Kamerun hat als erste Mannschaft nicht einmal mehr theoretisch eine Chance auf ein Weiterkommen ins Achtelfinale. Nigeria kassierte in zwei Partien zwei Niederlagen. Doch im Fernsehen, da übertreffen sich die Kommentatoren mit lobender Anerkennung. Allesamt "technisch beschlagene" Fußballer, hört man sie sagen. Allesamt "gute Einzelspieler", wird angemerkt. Doch es dauert nicht lange, da kommt das große Aber: "Aber in der Defensive undiszipliniert." "Aber im Abschluss unkonzentriert." "Aber als Mannschaft unkoordiniert."
Und all diese Anmerkungen und Wertungen treffen auch zu. Nur würde man bei einer englischen Mannschaft, die bei dieser WM gegen die USA und Algerien (übrigens ein Land in Afrika) nicht über zwei Unentschieden hinausgekommen ist, niemals betonen, dass es sich um "gute Einzelspieler" handelt, denn das ist schließlich eine Selbstverständlichkeit. Als Superstar Wayne Rooney gegen Algerien kaum einen Zweikampf gewonnen hat, merkte niemand an, dass er zumindest "technisch beschlagen" sei.
So schlecht können die Italiener, Franzosen und Engländer gar nicht spielen, dass ein Kommentator am Rande erwähnen möchte, dass es sich immerhin um "brillante Techniker" handle. Das wäre doch lächerlich, oder? Nein: Die Europäer sind natürlich "ausgebrannt" von einer langen Saison bei ihren milliardenschweren Fußballkonzernen. "Ausgepowert" vom harten Fußballprofi-Dasein.

Manchmal kann Solidarität die schlimmste Form der Überheblichkeit sein. Als zu Beginn der Fußballweltmeisterschaft auf dem Spielfeld wenig Spannendes auszumachen war, widmete sich die Fußballwelt einem Nebengeräusch. Zugegeben einem unharmonischen Nebengeräusch, das aus den Vuvuzelas tönt. Und schnell war klar, wer gegen diese billigen Plastiktröten ist, verhält sich wie ein "Kolonialherr mit Tropenhelm", wie es der deutsche TV-Komödiant und Schauspieler Harald Schmidt ausdrückte. Wer sich über den Gelsenlärm mokierte, wurde ins Rassisteneck gestellt. Aber kaum einer machte sich darüber Gedanken, warum es in den WM-Stadien diesen Vuvuzela-Lärm gibt. Weil der Weltfußballverband Fifa diesen erlaubt. Die Südafrikaner dürfen nicht in ihre Vuvuzelas blasen, weil sie es so wollen, sondern weil es die von Europäern dominierte Fifa gnädigerweise erlaubt. Und zwar "unter Vorbehalt", wie auf der Fifa-Homepage zu lesen ist. Die Erlaubnis könne jederzeit revidiert werden, wenn sich aus dem Geheul "Sicherheitsprobleme ergeben", heißt es bei der Fifa. Fürchtet man etwa, dass die Zuschauer die Tröten in Macheten oder Blasrohre umfunktionieren? Der Kolonialherr von heute kommt in Gestalt eines Fifa-Funktionärs.

Die sechs afrikanischen Fußballverbände sind bei der WM deshalb erfolglos, weil sie ein Abbild der afrikanischen Missstände sind. Und die heißen in diesem Fall Korruption und Vetternwirtschaft. Da kann es schon passieren - wie im Falle Kameruns - dass hinter dem Rücken des Teamchefs sein Betreuerstab ausgetauscht wird. Da kann es schon sein, dass das WM-Trainingslager in Osttirol ein paar Tage später anfängt, weil das Team-Management von Kamerun darauf vergessen hat, für die Spieler Einreisevisa zu organisieren.
Tatsächlich unterscheiden sich die Spielsysteme der afrikanischen Mannschaften kaum von den europäischen. Ist ja auch kein Wunder. Immerhin werden die meisten Teams von Europäern trainiert. Von den sechs afrikanischen Mannschaften bei der WM-Endrunde hat nur Algerien einen afrikanischen Teamchef. Doch das unprofessionelle Umfeld können weder sie noch Superstars wie Didier Drogba, Samuel Eto'o oder Steven Pienaar wettmachen. Drogba und Co. sind nämlich deswegen Superstars, weil sie nicht mehr in Afrika Fußball spielen. Das kann man auch sagen, ohne geheuchelte Lobhudelei, ohne Solidarität mit Tropenhelm. Denn manchmal kann schonungslose Kritik die ehrlichste Form der Anerkennung sein.

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