Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Eine dünne Schicht"

Ausgabe vom 17. Juni 2010

Wien (OTS) - Immer mehr Politiker, Diplomaten, Philosophen, Gewerkschafter und Arbeitgebervertreter machen sich Sorgen über die steigende Gefahr sozialer Unruhen in Europa. Für viele mag das wie Science Fiction klingen. Weil es so unglaublich klingt. Relativ bis sehr wohlhabende Länder, in vielen ein engen soziales Netz.

Woher sollen dann soziale Unruhen kommen? Nun, aus einer wirtschaftspolitischen Giftmischung, die ihresgleichen sucht. Hohe Schulden machen die Regierungen unbeweglich, der Defizitabbau würgt den Aufschwung ab. Die EU ist zwar finanziell unauflöslich vernetzt, aber nicht politisch. Diese von der Krise ausgelösten Fliehkräfte drohen die Wirtschaft ebenfalls zu beeinträchtigen.

Und dann gibt es noch die Angst der Menschen, dass sie einfach schlecht behandelt werden. Dass jenen, die Auslöser der Malaise waren, mit öffentlichem Geld geholfen wird, aber die Bürger unter Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen zu leiden haben, geht vielen gewaltig gegen den Strich. Dass die Banken nun erneut beginnen, einander zu misstrauen, ist auch kein Vertrauensbeweis.

All dies könnte zu sozialen Unruhen führen. In Athen wurde bei den ersten Protesten gegen den Sparkurs eine Bankfiliale angezündet, drei Menschen kamen dabei ums Leben.

Das ist nicht das sozial stabile, vielfältige Europa, in dem so viele Menschen von außerhalb leben wollen. Und es ist auch nicht jenes Europa, in dem wir alle aufgewachsen sind.

Diese Ungewissheit mag ebenfalls mithelfen, soziale Spannungen zu erzeugen. Aber es gibt noch eine Form der Ungerechtigkeit, mit der Europa bisher schlecht umgeht. Es protestieren vor allem öffentlich Bedienstete. Die mögen in vielen Ländern schlecht bezahlt sein (nicht so in Österreich), aber sie haben einen sicheren Job. In manchen Ländern der EU geht dagegen die Jugendarbeitslosigkeit bis auf 40 Prozent.

Und dieses neu entstehende Proletariat ist kaum gewerkschaftlich organisiert, seine Wut wird sich spontan entladen. Das bereitet immer mehr Verantwortlichen Sorgen. Die Spirale nach unten zu durchbrechen ist noch nicht gelungen, weil in Europa noch viele glauben, sie könnten ihr Problem alleine lösen. Können sie aber nicht.

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