"Die Presse" Leitartikel: Lasst uns Tacheles über die neue Schule reden, von Martina Salomon

Ausgabe vom 10.06.2010

Wien (OTS) - Wer nicht riskieren will, dass mit der Gesamtschule
ein Run auf Privatschulen einsetzt, muss ernsthaft reformieren.

Fast scheint es, als würde eine Debatte, die ein Vierteljahrhundert andauerte, nun ein gütliches Ende finden. Neuerdings hat scheinbar (fast) niemand mehr etwas gegen die Gesamtschule einzuwenden: nicht einmal bisher scharfe Gegner wie Oberösterreichs Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer. Oder doch nicht. Der schwarze Schulpolitiker versuchte sich in einer paradoxen Intervention: Gesamtschule ja, aber unter idealen Bedingungen. Wohl wissend, dass es die niemals geben kann. Sein Ja zementiert vielleicht ein Nein.

Und doch ist einiges in Bewegung geraten: Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung, die sich nie scheuten, von Elite zu reden (ein Wunder, dass das Wort noch auf keiner schwarzen Liste gelandet ist), können sich jetzt plötzlich eine Gesamtschule vorstellen, wohl weil sie Lehrlinge brauchen, die des Lesens und Schreibens wieder mächtig sind.

Faktum ist: An der Gesamtschule führt irgendwann kein Weg mehr vorbei. Aber jetzt lasst uns endlich Tacheles reden, wie diese Schule idealerweise aussehen müsste, damit sie nicht dasselbe Schicksal erleidet wie die (Wiener) städtische Hauptschule: Jeder, der kann, hat die Flucht ergriffen, zurück blieb nur der B-Zug. Leistungsgruppen sind daher natürlich obsolet geworden, auch wenn die Türschilder ausgetauscht wurden und fast jede Hauptschule neuerdings "Mittelschule" heißt. Die Großstadtgymnasien platzen indes aus allen Nähten, sie sind zu schlechten Gesamtschulen geworden, was wiederum zu steigenden Anmeldezahlen in Privatschulen geführt hat.

Wird nun eine Gesamtschule ohne grundlegende Systemreform eingeführt, dann lässt sich unschwer die Folge ausmalen: Die Privatschulen können sich jetzt schon nach neuen, größeren Standorten umschauen für den großen Run. Das erzeugt dann aber nicht höhere soziale Gerechtigkeit, wie sie die Gesamtschulbefürworter erträumen, sondern das exakte Gegenteil: Eltern werden sich genötigt fühlen, ihren Kindern eine Privatschule zu zahlen oder in eine teure Gegend zu ziehen, wie dies in den Gesamtschulländern USA, England oder Frankreich längst der Fall ist - ein Faktum, das in der Debatte gern verschwiegen wird. Das wäre dann quasi eine neue "Bildungssteuer" für den Mittelstand, der auf Leistung (auch seiner Kinder) Wert legt. Umgekehrt unterschlagen die Verfechter des differenzierten Schulwesens, dass dessen Ergebnisse im internationalen Vergleich bestenfalls mittelprächtig sind und mehr nach Herkunft denn nach Leistung selektiert wird. Das österreichische System hat keine Antwort darauf gefunden, wie die Schulen die zunehmende Berufstätigkeit beider Eltern kompensieren und Kinder bildungsferner (oft migrantischer) Familien auch "mitnehmen" könnten. Gymnasiallehrer sind vorwiegend auf Mängelfeststellung konzentriert - daher landen Problemfälle aller Art, nicht nur intellektuelle, in der Hauptschule. Was bleibt den Hauptschullehrern dann anderes übrig als Durchwurschteln unter oft widrigen Umständen? Die Widersprüche zwischen schulischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit einerseits und politischer Propaganda andererseits lassen immer mehr Lehrer resignieren oder in Frühpension flüchten.

Wenn es Unterrichtsministerin Claudia Schmied ernst meint, wovon man ausgehen kann, dann muss sie sich rasch mit ihrer Kollegin vom Minoritenplatz, Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, zusammensetzen, um die Lehrerausbildung grundlegend zu reformieren: Pädagogik wird danach weiterhin an den Pädagogischen Hochschulen gelehrt, das Fach aber nur mehr an den Unis. Die Ausbildung ist stärker modulartig, damit beruflicher Umstieg und Höherqualifizierung im Pädagogiksektor leichter wird. Auch die Weiterbildung wird besser gebündelt.

Klar ist auch, dass es keinen ordentlichen Unterrichtsfortschritt in einer Klasse geben kann, in der mehr als ein Drittel der Kinder Probleme hat, der Unterrichtssprache zu folgen. Solche Kinder müssen außerhalb des Klassenverbands speziell gefördert - und besser auf die Schulen verteilt werden. Schulstandorte an sozialen Brennpunkten bekommen mehr Personal als andere. Der Lehrer wird zum Coach des Schülers. Es gibt mehr externe Überprüfung der Schulleistungen, dafür aber mehr innere Autonomie. Und die Gescheiten dürfen nicht auf der Strecke bleiben. Denn eines ist klar: Ohne Leistungsorientierung geht gar nichts. Diese Wahrheit ist Politikern, Lehrern, Eltern und Schülern zumutbar.

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