"Kleine Zeitung" Kommentar: "Figls Klassiker als Vorbild" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 6.6.2010

Graz (OTS) - Es muss nicht das Ich-kann-Euch-zu-Weihnachten-nichts-geben-Pathos sein. Die Sätze müssen auch nicht die Gefühlsdichte des legendären Entsagungsklassikers aus dem Jahr 1945 haben: "Ich kann Euch für den Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben. Kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden". So viel Bitternis muss nicht sein. Und das zu Sagende muss auch nicht so nihilistisch donnern wie der Satz: "Wir haben nichts." Es muss nicht Leopold Figls Kanzlerrede aus dem Radio sein.

Aber so etwas Ähnliches!

Etwas Ähnliches, übersetzt ins Heute, wünschte man sich von Werner Faymann und Josef Pröll: die Fähigkeit zu Empathie und staatsmännischer Haltung, die über die eigene Klientel hinausblickt aufs große Ganze. Die Gabe, ehrliche Worte für den Ernst der Lage zu finden und verständlich zu machen, dass der Ernst nichts Abstraktes ist, sondern etwas, was jeden betrifft und die Zukunft derer, die nachkommen. Darüber hinaus: den Mut und die Inspiration, gemeinsam vor die Menschen hinzutreten, wenn nötig zwischen Säulen und Fahnen, und ihnen Opfer abzuverlangen, abgeleitet aus der Erkenntnis, dass auch wir den Wohlfahrtsstaat überdehnt und die Zukunft verpfändet haben.

Und schließlich: Die Fähigkeit, diesen Opfergang nach Schulterstärke zu dosieren und ihn auf eine Art zu vermitteln, die niemanden überfordert und niemanden schont, die nicht die einen gegen die anderen ausspielt, auch nicht den reinen kleinen Mann gegen das Unreine der Spekulanten, Banken und Reichen; dieser Opfergang wäre so ins Werk zu setzen, dass er eint und ein Wir-Gefühl schafft, eines wie damals.

Vielleicht hatte auch Karl Aiginger, der angesehene Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes, ähnliche Vorbilder im Sinn, als er am Wochenende die Regierenden angesichts der dramatischen Verschuldung des Landes zu einem "nationalen Reform- und Zukunftspakt" aufrief. Die Anstrengungen müssten endlich gebündelt, das Wursteln beendet werden.

Es ist ungewiss, ob SPÖ und ÖVP fähig sind, den Appell zu beherzigen. Während der Rest Europas, wach gerüttelt durch den Euro-Schock, Sparpakete schnürt und die Haushalte saniert, schlummert Österreich einem trägen Sommer entgegen. Tagelang stritt man über Nichtigkeiten wie die Deutung des Ausgangs einer irrelevanten Landtagswahl. Das alte Misstrauen sickert ein. Beide Parteien mühen sich um die Beweisführung, dass ein Bündnis zweier Alpha-Parteien keine gemeinsame schöpferische Kraft zu entfalten vermag. Es riecht nach Gusenbauer-Molterer, nicht nach Figl reloaded.****

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