"Kleine Zeitung" Kommentar: "Am Ende bluten immer die Patienten" (von Eva Weissenberger)

Ausgabe vom 02.06.2010

Graz (OTS) - Blut ist dicker als Wasser. Rot ist es beim
Menschen auch immer. Sollte man meinen. Trotzdem bezahlt die Sozialversicherung der Gewerbetreibenden, kurz SVA, fast doppelt so viel für die gleiche Laboranalyse wie etwa die steirische Gebietskrankenkasse.

Auch das ist ein Grund für den Zwist zwischen der SVA und der Ärztekammer, der dazu geführt hat, dass die beiden derzeit kein Vertrag mehr verbindet. Selbstständige müssen nun beim Arzt -zunächst einmal - selbst bezahlen. Fast hätte man ja glauben können, dass es ein abgekartetes Spiel zwischen den Vereinen, die beide zur schwarzen Reichshälfte gehören, sei: Die SVA spart sich kurzfristig Geld, wenn die bei ihr Versicherten den Arzt meiden. Langfristig aber nicht, denn Vorsorge ist billiger, als sich später sorgen zu müssen. Die Ärztekammer hat bewiesen, dass sie hart bleiben kann. Das stärkt ihre Verhandlungsposition den anderen Kassen gegenüber. Kommen als Nächstes die Wiener dran?

Den Patienten, die nun bluten müssen, ist es wahrscheinlich egal, wer schuld an der Misere ist. Die SVA ist nicht mehr nur die Kasse der Geschäftsleute, Ladenbesitzerinnen und Fabrikserben, sie ist auch die Kasse der scheinselbstständigen Grafikerinnen, AMS-Trainer und Visagistinnen, von denen sich viele Krankwerden auch bisher schon nicht leisten konnten. Für jene, die so wenig verdienen, dass sie keine oder kaum Steuern zahlen, ist der Sozialversicherungsbeitrag nach der Miete oft die schwerste finanzielle Belastung. Sie haben keine hundert Euro flüssig, um schnell einmal die Hautarztrechnung zu begleichen - da reicht es nicht, wenn sie das Geld später zurückbekommen.

Bei jenen, die etwas besser verdienen, setzt jetzt schon ein Entsolidarisierungseffekt ein: Wir müssen Zwangsbeiträge zahlen, während die Kasse offenbar keinen Zwang verspürt, uns wie Kunden zu behandeln! SVA und Ärztekammer setzen mit ihrer Sturheit zu viel aufs Spiel. Das System der Pflichtversicherung lebt davon, dass sich der gesunde Mittelstand dazu bereit erklärt, die Armen und chronisch Kranken nicht im Stich zu lassen.

Ungewollt machen die beiden noch eine andere Tür auf: Warum nicht alle historisch gewachsenen Kassen zu einer einzigen zusammenlegen? Plagen Bankangestellte denn andere Krankheiten als Lehrerinnen? Brauchen Kinder in Wien andere Zahnspangen als in Kärnten? Dann wäre Schluss mit unterschiedlichen Tarifen, Selbstbehalten, Leistungen und Labortaxen. Genug geträumt, Föderalisten wie Sozialpartner werden das schon verhindern.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001