WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der neue Trichet gefällt uns besser als der alte - von André Exner

Sturheit ist keine Eigenschaft, die einem Notenbanker gut steht

Wien (OTS) - Heute auf der OeNB-Tagung, nächste Woche auf dem
Forum des Institute of International Finance: EZB-Gouverneur Jean-Claude Trichet beehrt Wien zwei Mal binnen kürzester Zeit mit seiner Anwesenheit. Er wird bestimmt viel Spannendes zu berichten haben. Denn der ruhige Notenbankchef, der langsam spricht, weil er jedes seiner Worte genau abwägen muss, ist Trichet nicht mehr. Seit er Anfang Mai binnen wenigen Tagen eine Kehrtwende vollzog und die EZB über den Weg der direkten Anleihenkäufe zum indirekten Defizitfinanzierer für die strauchelnden Eurozone-Mitglieder machte, tritt Trichet öffentlich als Retter des Euro auf, der mit beherzten Aussagen und ungewöhnlichen Mitteln gegen die Spekulanten in den Krieg zieht. Mit Trichets Hilfe soll der Krieg gegen die Spekulanten das erreichen, was der letzte Krieg, der gegen den Terror, nicht geschafft hat - Europa zu einen.

Es ist leicht, Trichet wegen seiner Kehrtwende bezüglich des Ankaufs von Staatsanleihen zu schelten oder ihm ein langes Zögern in den Monaten der Griechenland-Krise vorzuwerfen. Doch besser spät als nie. Der gute Mann hat einfach so lange mit sauberen Mitteln gekämpft, bis er einsehen musste, dass er die große Schlacht gegen die Finanz-Raubritter mit offenem Visier nicht gewinnen kann.

Trichet sagt, er habe noch weitere Asse im Ärmel. Die wird er auch brauchen. Denn die Spekulanten sitzen nicht nur an der Wall Street und auf den Caymans, sondern auch in den eigenen Reihen. Es ist kein Geheimnis, dass die französischen Banken den Euro shorten, dass bereits die griechischen Banken gut mit Pleite-Spekulationen verdient haben. Warum sollten sie sich auch zurückhalten? Auf der einen Seite der Währungsspekulant, auf der anderen Seite die Entschlossenheit der EZB und der europäischen Politik, die Eurozone um jeden Preis zusammenzuhalten. Zwar kann man den Euro auch mit noch so düsteren Weltuntergangsszenarien nicht mal auf die Schnelle auf die Parität zum Dollar drücken. Doch mit einem schönen Hebel ist auch die Wette auf den Rutsch von 1,40 auf - sagen wir - 1,20 oder 1,10 Dollar je Euro ein Wahnsinnsgeschäft. Und die Fremdmittel für den Hebel sind billig, weil die EZB die Zinsen konjunkturbedingt tief halten muss.

In einem Jahr ist EZB-Chef Trichet Geschichte. Die Krise bleibt uns auch nach seiner Zeit erhalten. Hoffentlich wird auch sein Nachfolger jemand sein, der seine Meinung ändern kann, wenn ihn die Realität dazu zwingt. Egal, was Kritiker sagen: Sturheit ist keine Eigenschaft, die einem Notenbanker gut steht.

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