Die Presse - Leitartikel: Überraschung: Frauen sind keine Männer, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 29.05.2010

Wien (OTS) - Nach eineinhalb Jahrzehnten enthüllt endlich wieder ein Frauenbericht, was nie verborgen gewesen ist.

Die Frage, wie es um Rolle und Rechte der Frauen in unserer Gesellschaft bestellt ist, gehört zu den zuverlässigsten Klischeeproduzenten der an Klischees ohnehin nicht armen Meinungsindustrie. Dass der Frauenbericht, den Gabriele Heinisch-Hosek am Freitag präsentiert hat, der erste seiner Art nach 15 Jahren ist, wird beispielsweise fraglos dem Umstand zugeschrieben, dass die schwarz-blauen Wendereaktionäre mit der Unterdrückung eines solchen Berichtes ihre Maxime "Zurück an den Herd" durchpeitschen wollten. Macho-Zensur der ganz brutalen Art also.
Ein wenig komplexer wird es vielleicht schon gewesen sein.
Komplex und überhaupt nicht klischeelastig ist der Bericht selbst. Die wuchtige Materialsammlung ermöglicht unterschiedlichste Blickwinkel auf die Situation der Frauen im spätindustriellen Zeitalter, ganz gleich, ob man den Einfluss der Migrationsströme der vergangenen Jahrzehnte oder den Boom der Teilzeitbeschäftigung seiner Analyse zugrunde legen will. Sie zeigt, wie robust gesellschaftliche Strukturen auf dem Land und wie wandlungsfähig sie in den Städten sind, sie lässt nachvollziehen, wie massiv in einigen Bereichen die Gleichstellung von Mann und Frau vorangetrieben wurde (Bildung) und wie statisch das Verhältnis in anderen geblieben ist (Bezahlung). Die Tür zu den Klischeeproduktionshallen geht erst dort auf, wo es um die Bewertung der konstatierten Unterschiede geht. Und da steht eine Tatsache im Zentrum, an der sich nichts ändern wird, solange sich die synthetische Erzeugung und Aufzucht menschlichen Nachwuchses nicht endgültig durchgesetzt hat: Frauen bekommen Kinder, Männer nicht. Also unterbrechen sie ihre Karrieren und kehren überwiegend in Teilzeitarbeitsverhältnisse zurück.

Viele der laufend veröffentlichten Studien zur Frage der Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen verzichten überhaupt darauf, die Gehaltssummen in Relation zur Arbeitszeit zu setzen. Auch dort, wo das passiert, entsteht aber ein Unterschied, der mit Diskriminierung nichts zu tun hat: Die gut bezahlten Spitzenjobs gibt es nicht in Teilzeit, was sich gehaltsstatistisch naturgemäß negativ für die Frauen auswirkt.
Dass der starke Anstieg der Frauenbeschäftigungsquote ganz massiv über eine Zunahme der Teilzeitjobs bewerkstelligt wurde, gilt vor allem bei den Vertretern von Arbeiterkammer und Gewerkschaft nachgerade als Zeichen der Unterdrückung. Zwar sei, heißt es dann, die Zahl der Arbeitsplätze gestiegen, aber ein großer Teil davon seien "nur" Teilzeitarbeitsplätze.
Nur? Wie kommt es, dass Unternehmen, die in immer größerem Umfang auf die Arbeitszeitwünsche vor allem ihrer weiblichen Mitarbeiter eingehen, obwohl das zu deutlich höheren Kosten führt, sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, sie arbeiteten an der Aufrechterhaltung der weiblichen Unterprivilegierung? Den selbst ernannten Gerechtigkeitsexperten fällt gar nicht auf, dass sie tun, was sie den Unternehmern fälschlicherweise vorwerfen: Sie verkürzen die Selbstbestimmungsrechte dieser Frauen und instrumentalisieren sie für ihre propagandistischen Zwecke.

Zu den bleibenden Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen gehört es zu meinen, man wüsste schon, was besser für sie sei. Heute wird ihnen eben nicht mehr die Rolle der Hausmutter aufgedrängt, sondern die des Vollzeit arbeitenden Pausenfüllers für Kinder zwischen Ganztagskrippe und Nachtruhe. Wie sich zeigt, rührt ein guter Teil der Unterschiede vom Stadt-Land-Gefälle her: Auf dem Land, wo häufiger einfach nur ein Arbeitsplatz pro Familie verfügbar ist, wird dieser überwiegend vom Mann in Anspruch genommen. Ist das wirklich so wahnsinnig schlimm? Vielleicht wäre es, um die ewige Klischee-Reproduktion zu unterbrechen, nicht schlecht, auch öffentlich eine Frage zu diskutieren, die ein junger Kollege am Freitag in unserer Redaktionskonferenz gestellt hat: Wenn es stimmt, dass Frauen bereit sind, bei gleicher Qualifikation den gleichen Job um 20 Prozent weniger Gage zu erledigen - wie kann es sein, dass Unternehmer, die einigermaßen bei Sinnen sind, nicht ausschließlich Frauen beschäftigen?
Es gibt nur zwei mögliche Antworten: Entweder die Unterschiede haben Gründe, die mit Diskriminierung nichts zu tun haben. Dann sollte man das auch so sagen. Oder es sind tatsächlich dünkelhafte Männerklüngel am Werk, die unter sich bleiben wollen. Dann kann man entspannt darauf warten, dass sie ihre Unternehmen in den Abgrund führen.

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