WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Erste allgemeine Un-Versicherung - von Michael Vorauer

Bei den "Gewerblichen" tun sich die Ärzte halt leicht

Wien (OTS) - Solche Standesvertreter hat nicht jede Berufsgruppe. Sie winden sich und rühren sich trotzdem nicht. Sie mauern, sie blockieren. Die Rede ist nicht von einer Großgewerkschaft oder den Lehrervertretern, sondern von der Ärztekammer. Die Herren Vertreter der Mediziner haben es nämlich geschafft, dass rund 700.000 Krankenversicherte der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) ab 1. Juni ohne Kassenvertrag dastehen. Heißt so viel: Leistungen der Ärzte müssen vorher bezahlt und dann direkt mit der SVA abgerechnet werden. Die deckt aber nur 80 Prozent der bisherigen Behandlungskosten ab. Da ab Juni vertragsloser Zustand ist, gelten aus Sicht der SVA-Versicherten alle Ärzte als Wahlärzte und können ihren Patienten verrechnen, was sie wollen. Deutliche Preissteigerungen sind zu erwarten.

Geradezu grotesk ist aber die Ursache für den vertragslosen Zustand:
Die SVA will nämlich eine Annäherung der Tarife an das Niveau der Gebietskrankenkassen (GKK). Auf Deutsch: Die SVA will für gleiche Leistungen der Ärzte in etwa das Gleiche bezahlen wie die GKK. Das ist derzeit nicht der Fall. Denn der SVA kommen gleiche Ärzte-Leistungen deutlich teurer als den GKK. Bei Laborleistungen liegt der Unterschied bei bis zu 70 Prozent, hat der Rechnungshof kürzlich kritisiert. Der Preisunterschied ist historisch bedingt (grob gesagt: damit Unternehmer überhaupt krankenversichert sind) und war bei der Bauernkasse ähnlich. Hier ist die Annährung aber längst gelungen.

Weshalb können es sich die Ärzte nun leisten, praktisch die erste allgemeine Un-Versicherung auszurufen (einen vertragslosen Zustand gab es das letzte Mal 1962 für drei Monate)? Bei den "Gewerblichen" tun die Ärzte sich halt leicht. Die Versicherten in der SVA sind nur ein Bruchteil der Gesamtversicherten. Bei einer GKK ist das Spielchen nicht so locker. Denn im vertragslosen Zustand gehen deutlich weniger Menschen zum Arzt. Bei der Masse der GKK-Versicherten spürt das der einzelne Arzt sofort im Börsel. Bei der vergleichsweise geringen Anzahl an SVA-Versicherten fällt das nicht so ins Gewicht. Und außerdem kann der Herr Doktor ja bei den paar "Gewerblichen", die sich trotzdem behandeln lassen müssen, gleich mehr abkassieren.

Und darum geht es letztendlich in diesem Konflikt: ums Abkassieren. Tirols Wirtschaftskammer-Präsident Jürgen Bodenseer bezeichnet die SVA sogar als "jahrelange Melkkuh der Ärzte". Dass die sich nicht mehr melken lassen will, ist verständlich. Dass Ärzte (gerade in der Krise) umdenken müssen, auch.

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