Die Presse - Leitartikel: 38Grad: Fieber bei den verfeindeten Nachbarn, von Thomas Seifert

Ausgabe vom 25.05.2010

Wien (OTS) - Die Vorbereitungen auf eine Zeit nach dem Regime von Kim Jong-il haben offenbar längst begonnen.

Bill Clinton nannte die Grenze zwischen Nord- und Südkorea bei seinem Besuch Mitte der 90er Jahre den "gruseligsten Platz des Planeten". Jetzt gruselt's seiner Frau Hillary: Die Außenministerin nannte die Lage auf der koreanischen Halbinsel "sehr gefährlich".
Seit der Versenkung der südkoreanischen Korvette "Cheonan" wird die Koreanische Halbinsel von Fieberschüben geschüttelt:
? Am 26. März sinkt die "Cheonan" im Gelben Meer, 46 südkoreanische Matrosen sterben. Seouls Verdacht von Anfang an: Hinter der Versenkung muss wohl die nordkoreanische Marine stecken.
? Am 27. April flog der südkoreanische Präsident Lee Myung-bak nach Shanghai, um die chinesische Führung dazu zu bewegen, Nordkorea für die Versenkung der "Cheonan" zu bestrafen. Denn China hält seit jeher seine schützende Hand über das Kim-Regime Nordkoreas.
? Der nordkoreanische Führer Kim Jong-il reist von 3. bis 7. Mai zu einer mysteriösen Reise nach China. Holt er sich in Peking Rückendeckung?
? Am 19. Mai gibt Südkorea die Ergebnisse einer Untersuchungskommission bekannt: Nordkorea sei für den Untergang der "Cheonan" verantwortlich.
? Am 24. Mai dann die offizielle Reaktion Südkoreas: Präsident Lee Myung-bak kündigt Sanktionen an, der Fall "Cheonan" würde vor den UN-Sicherheitsrat gebracht, Nordkorea droht unverhohlen mit Krieg.

Selbst hartgesottene Beobachter der ruppigen Beziehungen zwischen beiden Koreas sind besorgt: Rüdiger Frank, Professor für Wirtschaft und Gesellschaft in Ostasien an der Universität Wien, ist ein auch international gefragter Korea-Experte und hält das, was hier passiert, für ein mögliches "Endspiel" der Ära Kim Jong-il. Frank geht davon aus, dass Kim seine Armee nicht mehr im Griff hat und sich der Nordkoreanische "Liebe Führer" (chinaehan jidoja) nun in einer sehr verzwickten Lage befindet: Gibt er zu, dass es in der Admiralität oder Generalität Elemente gibt, die eigenmächtig handeln, dann ist er "erledigt", wie Frank gegenüber der "Presse" meint. Entschuldigt er sich für den Vorfall, sei wiederum "seine Glaubwürdigkeit als Diktator dahin", wie er sagt.
Frank hält die Theorie der "offenen Insubordination" für sehr wahrscheinlich. Denn das würde auch die besonnene Reaktion der südkoreanischen Regierung erklären und auch die Reaktion Pekings. Denn die chinesische Führung musste wissen, dass der südkoreanische Präsident Lee Myung-bak verärgert darüber sein wird, dass man dem nordkoreanischen Führer Kim Jong-il knapp vor der Veröffentlichung der Ergebnisse der Untersuchungskommission den Roten Teppich ausbreitet.
"Ich habe den Eindruck, dass Chinesen Südkoreaner, Amerikaner und Japaner sich inzwischen ernsthaft darauf vorbereiten, dass das Regime bald zusammenbrechen wird", meint Frank. Ein Systemkollaps könnte schnell gehen, meint der Experte - er könnte es wissen, schließlich ist Frank in Leipzig in der DDR geboren. Eine ganze Serie von wirtschaftlichen Flops in jüngster Vergangenheit - darunter ein Währungsreform-Desater, das die Menschen um ihr weniges Erspartes gebracht hat - hat die Lage weiter destabilisiert.

Die Situation ist für alle Beteiligten schwierig: Wie sollen Südkorea oder die USA ein Land bestrafen, das erstens nichts zu verlieren hat? Und wo zweitens international die größte Sorge davor besteht, dass das Regime kollabieren und Nordkorea im Chaos versinken könnte? Eine höchst gefährliche Situation, auf die derzeit niemand vorbereitet ist.
China steht ebenfalls vor einer sehr unangenehmen Situation: Die Unterstützung des erratischen Regimes in Pjöngjang ist längst zu einer diplomatischen Belastung geworden. Hingegen ist Südkorea einer der wichtigsten Wirtschaftspartner des Reichs der Mitte. Doch China will nicht riskieren, dass der kommunistische Bruderstaat Nordkorea kollabiert. Peking baut eher darauf, dass Washingtons Einfluss in der Region mit der Zeit geringer wird, und man es in Zukunft mit einem neutralen Südkorea zu tun bekommt.
Man kann also nur, wie der frühere Experte im US-Außenminsterium Joel S. Wit in einem Kommentar in der "New York Times" gefordert hat, gegen alle Intuition diese Situation für eine erneute diplomatische Initiative nutzen und muss auf Dialog mit Nordkorea setzen: "Auch wenn dies frustrierend ist", wie Wit schreibt. Im Sicherheitsrat ist bald Gelegenheit dazu.

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