WirtschaftsBlatt-Leitartikel: In der Euro-Krise hat auch der Markt versagt - von Michael Laczynski

Investoren haben Informationen bewusst ausgeblendet

Wien (OTS) - Der Eindruck, der in den vergangenen Monaten
entstanden ist und sich seit der Eskalation der griechischen Krise verfestigt hat, ist der eines Totalversagens auf politischer Ebene. Die gängige Interpretation der jüngsten Ereignisse lautet wie folgt:
Die Eurozone sei fehlerhaft konzipiert worden und leide nun an der angeborenen Schwäche, zwar eine monetäre, aber keine politische Union zu sein. Mehr noch: Engstirnigkeit und innenpolitische Motive hätten die Krise geradezu provoziert. Das Zaudern von Angela Merkel sei dafür verantwortlich, dass die Lage fast außer Kontrolle geraten war. Und das 750 Milliarden Euro schwere Rettungspaket, über das die EU-Finanzminister vorige Woche verhandelt haben, hätte kleiner dimensioniert werden können, wenn sich die europäischen Teilhaber früher geeinigt hätten. Den Markt trifft gemäß dieser Deutung keine Schuld an dem Schlamassel. Versemmelt hat es einzig und allein die Politik.

Viele Aspekte dieser Darstellung sind korrekt. Hätte man früher eingegriffen, wäre nach jetziger Sicht der Dinge ein kleinerer Rettungsschirm ausreichend gewesen. Rückblickend betrachtet war es auch ein großer Fehler, die Eurozone nicht mit Mechanismen zur Entschärfung und Bewältigung von Währungskrisen auszustatten. Klar ist auch, dass kein Spekulant das griechische Budgetdefizit verursacht hat - dieses Kunststück haben die Griechen im Alleingang vollbracht.

Dennoch wirft die Entwicklung, die wir bei den Anleihen beobachten konnten, eine beunruhigende Frage auf: Könnte es sein, dass die Märkte nicht so funktionieren, wie wir es in diversen Vorlesungen gelernt haben?

Ein Markt ist nichts anderes als ein Ort, an dem sich Käufer und Verkäufer treffen, um anhand vorhandener Informationen den richtigen Preis zu fixieren. Im Falle der griechischen Staatsobligationen hat das nicht funktioniert: Dass es Athen bei den Defizitzahlen nicht so genau nimmt, war seit dem Jahr 2004 bekannt. Auch die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, der Umfang des öffentlichen Sektors und die Gesamtverschuldung waren keine Staatsgeheimnisse. Die Marktteilnehmer wussten das alles und verlangten trotzdem jahrelang lächerlich geringe Risikoaufschläge für griechische Schuldscheine -ebenso wie für die Papiere der anderen europäischen Schuldenmacher.

Es sieht also ganz danach aus, dass Investoren vorhandene Informationen bewusst ausgeblendet haben. Wie es dazu kam, wissen wir noch nicht. Wir wissen jetzt allerdings, dass der Markt unter diesen Bedingungen großen Schaden anrichten kann.

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