"Kleine Zeitung" Kommentar: "Burka-Verbot verschleiert die wahren Probleme" (Von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 17.5.2010

Graz (OTS) - Ja, die Burka ist in unseren europäischen Augen ein Symbol für die Unterdrückung der Frau - selbst, wenn es Frauen gibt, die die Ganzkörperverschleierung freiwillig tragen mögen. Und ja, der Umgang mit Frauen im Islam passt in den meisten Fällen nicht mit unserer Wertvorstellung und Rechtsauffassung überein. Eine Burka trägt zur Unsichtbarmachung von Frauen in der Gesellschaft bei. Sie verdrängt das Weibliche ins Private und verstößt damit gegen einen unserer Kernwerte in der christlichen Gemeinschaft - das freie Menschsein. Darüber müssen wir innerhalb Europas und auch mit den Staaten der islamischen Welt diskutieren.

Nicht aber über ein Burka-Verbot, ebenso wenig wie über ein Minarett-Verbot. Denn beides sind im höchsten Maße symbolische Handlungen, die in erster Linie an die eigene Bevölkerung gerichtet sind. Der Mehrheit wird signalisiert, dass man etwas gegen "den menschenverachtenden und radikalen Islam" unternimmt. Dass die Politik der "aggressiven Ausbreitungslogik" des Islam etwas entgegenzusetzen hat. Das aber ist im höchsten Maße verlogen, populistisch und gemeinschaftsgefährdend. Solange man nur vereinzelte Burkas auf den Straßen von Wien, Berlin, Zürich oder Brüssel sieht, schadet ein Totalverbot einem liberalen Rechtsstaat. Auch in Frankreich, wo es am Mittwoch beschlossen wird, sind landesweit nur 2000 Frauen betroffen. Der Streit um die Burka ist ein Kampf gegen ein Randphänomen - in ganz Europa.

Stattdessen verschleiert das Burka-Verbot die wahren Fehler in der Integrationspolitik und auch in der politischen Auseinandersetzung des Westens mit der islamischen Welt. Der Integration von Minderheiten ist nicht gedient, wenn deren kulturelle oder religiöse Symbole bekämpft werden. Es verhindert nur die muslimische Sichtbarkeit per Gesetz. Eine ehrliche Debatte über Zuwanderung und Probleme im Zusammenleben zwischen In- und Ausländern, Christen und Moslems wird so nicht erreicht.

Das Ausländer-Thema wird nur religiös aufgeladen. Der allzeit präsente Zusammenhang von Islam und Terrorismus wird untermauert. Darin sind auch die Medien schuld. Trägt doch deren Auswahl von negativen Nachrichten aus der islamischen Welt zum Anschüren der Ängste und Sorgen bei.

Wir müssen in Europa mit dieser Politik der Abgrenzung vom Islam als Mittel der Selbstfindung aufhören. Nicht um des Gutmenschseins willen. Von der Teilhabe von Muslimen am "Wir-Gefühl" hängt zusehends der gesellschaftliche Frieden in Europa ab.****

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