Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Schadet zu viel Offenheit?"

Ausgabe vom 7. Mai 2010

Wien (OTS) - Kann Offenheit zu weit gehen? Ist es möglich, dass
wir die öffentliche Meinung zu oft messen? Ist die Menge wirklich klüger als Experten? Kann Transparenz auf Kosten der Steuerungsfähigkeit gehen?

Diese Fragen stellt der indisch-stämmige US-Journalist Anand Giridharadas in seiner "New York Times"-Kolumne. Er greift dabei eine spannende aktuelle Debatte auf, die um die Frage kreist, ob das liberale westliche Gesellschaftsmodell tatsächlich so überlegen ist, wie wir alle in den vergangenen Jahrzehnten immer geglaubt, zumindest aber gehofft haben. Anlass zur Sorge ist vor allem die mangelnde Fähigkeit zu langfristigem Denken in westlichen Regierungssystemen -Stichwort demographischer Wandel oder ökologischer Wandel.

Angetrieben wird diese Diskussion unter einflussreichen Meinungsmachern in den USA von der erstaunlichen Robustheit eines asiatischen kapitalistisch-autoritären Modells, für das derzeit China das weltweite Aushängeschild bildet. Larry Diamond von der Stanford University etwa zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunftsaussichten der Demokratie, sollte es diesem Modell nachhaltig gelingen, seinen Bürgern boomende Entwicklung, politische Stabilität, geringe Korruption, leistbare Wohnungen und ein sicheres Pensionssystem zur Verfügung zu stellen. China wäre dann für den Westen weit mehr als nur ein Mitbewerber auf dem Weltmarkt, das Reich der Mitte wäre dann eine systemische Herausforderung für den Westen wie einstmals die untergegangene Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Krieges.

Diese Debatte spiegelt die Ernüchterung in den USA wider, die nun auf die demokratische Euphorie der letzten zwei Jahrzehnte folgt. Für die Demokratie in Afghanistan und Irak wurden Kriege geführt, die Ergebnisse sind noch immer mager. Und dort, wo gewählt wurde, etwa im Gaza-Streifen oder dem Iran, haben die Menschen radikale Anti-Demokraten an die Macht gebracht. Da kann man schon an der Weisheit der Bürger verzweifeln.

Andererseits ist Konkurrenz der beste Motor für Innovation und mehr Effizienz. Das könnte ja auch für die Demokratie gelten. Tatsache jedenfalls ist, dass die Geschichte noch längst nicht an ihr Ende gekommen ist.

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