"Kleine Zeitung" Kommentar: "Abschiedsvorstellung eines Dinosauriers" (Von Bernhard Bartsch)

Ausgabe vom 30.04.2010

Graz (OTS) - Heute wird Chinas Staatschef Jintao die
Weltausstellung in Schanghai eröffnen. Sie soll alle Vorgänger in den Schatten stellen. Sicher sind ihr die Rekorde für die meisten Teilnehmerländer (192), die größte Ausstellungsfläche (5,28 Quadratkilometer) und die höchsten Investitionen (45 Milliarden Euro). Mit mindestens 70 Millionen erwarteten Besuchern wird die Expo 2010 das größte Massenereignis aller Zeiten werden.

Es scheint, als habe China einen Dinosaurier zum Leben erweckt. Denn eigentlich galt das Konzept als Auslaufmodell, als Fossil aus einer Zeit, als die Welt noch groß und "Made in China" etwas Exotisches war. Während sich die Metropolen um Olympische Spiele reißen, ist die Weltausstellung zur B-Attraktion geworden. Lange Jahre nahm die Zahl der Teilnehmer beständig ab, und die Gastgeber blieben meist auf Schulden sitzen. Im Zeitalter von Flugverkehr, Internet und Massenmedien braucht sich die Menschheit nicht alle paar Jahre zu verabreden, um zu erfahren, wie es am anderen Ende des Planeten aussieht.

Auch die Ära, in der große Innovationen zuerst bei Expos präsentiert wurden, ist längst Vergangenheit. So wurde aus dem Markt der Neuigkeiten ein subventioniertes Zwitterwesen aus Industrie- und Tourismusmesse, notdürftig verpackt als globales Selbst-Lernzentrum.

Trotzdem ist in Schanghai alles anders. Denn genau genommen stellen die Länder diesmal nicht füreinander aus - sondern für ihren Gastgeber. Die Welt präsentiert sich der neuen Supermacht und bald zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Kein Land kann es sich leisten, keinen repräsentativen Auftritt hinzulegen - selbst die USA, die der Expo längst den Rücken gekehrt hatten, sind dabei. Die Welt ist vereint in der Hoffnung, mit China noch besser ins Geschäft zu kommen.

Die Kommunistische Partei zelebriert die Veranstaltung als Beweis chinesischer Stärke. Dabei kommt ihr besonders zupass, dass die Weltausstellung, anders als Olympia 2008, politisch kaum aufgeladen ist. So hat Schanghai der Expo einen neuen Sinn gegeben.

Doch welche Standorte wären geeignet, um die Expo weiterzuentwickeln? Yeosu in Südkorea 2012 wohl ebenso wenig wie Mailand 2015. Womöglich werden danach große Schwellenländer wie Russland, Indien oder Brasilien die Chance ergreifen. Allerdings dürfte es ihnen kaum gelingen, die Welt dazu zu bewegen, noch einmal ähnlichen Aufwand zu betreiben. Betrachten wir die Expo 2010 deshalb als glorreiche Abschiedsvorstellung des großen Wanderzirkus der Globalisierung.****

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