DER STANDARD - Kommentar: "Tag der Arbeit ohne Perspektive" von (Conrad Seidl)

Traditionspflege kann den Anspruch, Schwache zu vertreten, nicht ersetzen; Ausgabe vom 30.4.2010

Wien (OTS) - Der Mai-Aufmarsch am Samstag wird ein nettes Traditionsfest - vorausgesetzt, dass es nicht regnet. Da könnten etliche Genossen daheim bleiben. Es geht ja um nichts.
Wie es ja so oft um nichts geht für die Kanzlerpartei. Immerhin: Die SPÖ stellt jetzt wieder den Kanzler, von der Bühne vor dem Wiener Rathaus wird zum vierten Mal in Folge ein Bundeskanzler winken. Und seit dieser Kanzler Werner Faymann heißt, könnte man gnädig übersehen, dass ein Gutteil der Macht im Finanzministerium liegt, bei einem von der ÖVP gestellten Minister. Aber man ist schon froh, wenn einen dieser - anders als sein Vorgänger - nicht ständig mit der Nase darauf stößt, wie erfolgreich doch die ÖVP und wie schwach die SPÖ ist.
Weniger Demütigung, ein bisserl mehr Demut vor dem Erreichten - und man kann es sich halbwegs gut einrichten in der sozialdemokratischen Partei. Ihre treuesten Wähler sind inzwischen Grauköpfe, die noch zur Partei gefunden haben, als diese "Sozialistische Partei Österreichs" hieß. Zu dieser Zeit hatte sie den Anspruch, die Gesellschaft zu verändern - und gleichzeitig jenen eine Heimat zu geben, die von einer solchen Veränderung am meisten profitieren würden.
Als manuelle Arbeit generell verachtet wurde, wurden auch jene verachtet, die sie geleistet haben - die SPÖ hat sie aufgefangen, hat ihnen Selbstbewusstsein gegeben. Sie hat über ihren parlamentarischen Arm menschenwürdige Arbeitsbedingungen in Gesetze gegossen und über ihren Gewerkschaftsflügel menschenwürdige Bezahlung erreicht. Auf die Straße gehen musste man dafür selten; dass der 1. Mai eigentlich ein Kampftag ist, konnte man getrost vergessen.
Mit den Erfolgen kam die Gleichgültigkeit: Viele, die schon in zweiter oder dritter Generation von den sozialpartnerschaftlichen Einigungen der Fünfziger- und Sechzigerjahre und den arbeits-, steuer- und familienrechtlichen Reformen der Siebzigerjahre profitieren, verspüren keine Dankbarkeit gegenüber der Partei.
Im Gegenteil: Viele haben sich mit dem Gedanken angefreundet, dass sich ihre eigene Situation durch Politik und Gewerkschaftsarbeit ohnehin kaum verbessern ließe. Sie neiden jenen, die besonders gute Arbeitsbedingungen und eine im Verhältnis zu anderen Arbeitnehmern gute Bezahlung haben, dieses "Privileg". Für viele potenzielle Anhänger der Sozialdemokratie sind die "Besserverdiener" und die Beschäftigten in den sogenannten "geschützten Bereichen" nicht erstrebenswertes Vorbild, sondern geradezu verhasstes Feindbild geworden.
Dabei richtet sich der Neid, geschickt geschürt von Boulevardmedien und populistischen Politikern aller Couleurs, nicht selten gegen eigene Leute: gegen rote Eisenbahner, rote Beamte, rote Manager. Eine Arbeiterkultur, die auf Zusammenhalt beruht, auf Solidarität, auf gemeinsamen Werten und dem gemeinsamen Ziel, "was wir ersehnen von der Zukunft Fernen" (wie es in einem früher gern zum 1. Mai gesungenen Lied heißt) - das war einmal das Erfolgsgeheimnis der SPÖ. Aber eine solche kulturelle Bindung der arbeitenden Menschen lässt sich in einer Neidgesellschaft nicht aufrechterhalten.
Und wollte man gar den wirklich Schwachen, den Menschen mit wenig Bildung und jenen mit viel Migrationshintergrund Heimat bieten wollen, würde man das rote Establishment vergraulen. Also feiert man den "Tag der Arbeit" mit angemessenem Stolz auf das Erreichte. Und ohne Perspektive.

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