WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Revolutionen fordern immer auch Opfer - von Andre Exner

Orbán will von IWF und EU nur das Geld, nicht die Auflagen

Wien (OTS) - Nach Kiew feiert Budapest seine orange Revolution.
Zum ersten Mal bekommt mit dem Erdrutschsieg der Fidesz-Partei ein EU-Mitglied eine Regierung mit Zweidrittelmehrheit. Nicht weniger als eine Revolution verspricht auch Ungarns neuer, doch demokratisch gewählter Alleinherrscher Viktor Orbán. Was er machen wird, will er wie im Wahlkampf zwar noch immer nicht genau sagen. Doch eins stellt er klar: Mit der beispiellosen Mehrheit im Budapester Parlament will er sich von IWF und EU nichts mehr diktieren lassen. Ähnlich wie sein griechischer Amtskollege Giorgos Papandreou will der neue Premier zwar das Geld dieser Institutionen, nicht aber die harten Sparauflagen, die mit den Notkrediten verbunden sind - denn sie bringen soziale Unruhen, was in einem Land mit zehn Millionen Menschen, aber nur 2,6 Millionen Arbeitnehmern (800.000 davon öffentliche Bedienstete) mit im Schnitt 467 Euro Nettoverdienst im Monat schnell zu einer echten Revolution führen kann. Ja, zu der Variante, in der auch Blut fließt. Wäre ja nicht das erste Mal seit 1989 in Osteuropa. Die Ingredienzen wie tiefe Gespaltenheit der Gesellschaft, politische Radikalisierung und Träume von verlorener Größe und Stärke sind in Ungarn genauso gegeben wie in den bekannten Krisenherden der Ostregion.

Wie in vielen anderen Ländern sind die Aussichten für Investoren auch in Ungarn zweigeteilt: Während es der Finanzwirtschaft trotz Krise blendend geht - die Zinsen sind tief wie noch nie, der Forint stabil und die Aktienkurse im siebten Himmel -, leidet die Realwirtschaft. Diese wieder auf den Wachstumspfad zurückzuführen ist Orbáns erstes Ziel.

Das "Wie" ist der Grund, warum sich ausländische - auch österreichische - Investoren in den kommenden Jahren warm anziehen müssen. Der von Fidesz in Aussicht gestellte "revolutionär neue" Kurs verheißt nichts Gutes. Strabag und Porr müssen um Milliardendeals zittern (Orbán will bei staatlichen Großaufträgen inländische Unternehmen bevorzugen, auch bisherige Projekte wie die Budapester U-Bahn könnten überdacht werden); Billa und Spar um ihr Geschäft fürchten (Orbáns Bündnispartner KDNP sagt der umsatzstarken Sonntagsöffnung den Kampf an). Großinvestoren wie ÖBB, OMV und die Börse Wien müssen darauf hoffen, nach jahrzehntelanger Präsenz im Land nicht auf einmal als unerwünschte Ausländer zu gelten, die in der Revolution auf der Strecke bleiben.

Wir wissen, was aus der orangen Revolution in der Ukraine wurde. Ob diese Farbe zu Ungarn besser passt, wird sich erst weisen müssen.

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