"Die Presse am Sonntag" Leitartikel: Putins Lektion in Demokratie, von Rainer Nowak

Ausgabe vom 25.04.2010

Wien (OTS) - Kein Staatsbesuch hat Russlands Premier Putin so beeindruckt wie der Judo-Trip nach Österreich. Der Kanzler und der Präsident zeigten ihm, wie bequeme Demokratie funktioniert. Natürlich ganz ernsthaft.

Es war ein wichtiger Tag für Wladimir Putin, selten zuvor hatte er große Politik so wuchtig, so intensiv, so nahe gespürt. Gut, damals im November 2001, als er mit George W. Bush, dem verlässlichen Yankee, in Washington den Kampf gegen den Terror beschlossen hatte, also auch in den eigenen Teilrepubliken Russlands, das war schon recht imposant gewesen.

Aber hier in Wien war alles noch besser, vielleicht auch, weil er sich hier immer so wohlfühlte. Stimmt schon, das ging vielen jungen Russen so, aber die interessierten sich nur für teure Kleidung und dazupassende Wohnungen. Aber ihm, dem einzigen russischen Staatenlenker, gefiel die alte Hofburg viel besser als der neureiche Kohlmarkt.

Sein guter alter Hundefreund Thomas Klestil war leider nicht mehr da, nicht einmal mehr seine Frau und die Vierbeiner selbst. Nach dem Tod des alten Diplomaten hatten sie sich zu ihm, dem russischen Freund, nach Moskau zurückgezogen. Aber Klestils Nachfolger, diesen ständig grinsenden Heinz Fischer, den hatte Putin sträflich unterschätzt. Das passierte ihm in Österreich ständig. Auch bei dem anderen, bei dem Kanzler mit dem Skilehrerlächeln, hatte er diesen Fehler gemacht. Nur kurz hatte er in dem kurzen Gespräch nicht aufgepasst. Aber er würde schon dafür sorgen, dass dieses Foto nicht in einer russischen Zeitung erscheinen würde. Der begeisterte Kanzler war plötzlich auf ihn zugesprungen, um ihm, Putin, wie einem kleinen Buben, ein Fahrrad zu schenken! Er hatte sogar reflexartig kurz gelächelt.

Das hatte Putin am meisten beeindruckt: Dieser Kanzler mit dem vollen Haar und der etwas eigentümlichen Stimme hatte plötzlich ernsthaft erklärt, Putin solle doch nicht alle Medien Russlands einschüchtern, um ungehindert regieren zu können. Bevor die russischen Sicherheitsberater entsprechend reagieren konnten, hatte dieser Faymann eine Erklärung nachgeliefert: In Österreich reichte ihm eine einzige Zeitung, um das Land zu regieren. Und das Fernsehen? Das beschäftige er einfach rund um die Uhr, auf dass keine Zeit für Regierungskritik bleibe. Und der politische Gegner? Muss immer in die Koalition mit uns und kann daher nichts tun, sagte der Mann noch breiter lächelnd.

Der Chef dieser Konservativen hatte auch wegen eines Termins bei Putin angefragt, aber es war eben nur Platz für ein Foto in dieser Zeitung. Ob er das verstehe? Putin verstand.

Dann kam der Höhepunkt: Der liebe alte Herr in der Hofburg erzählte von seinem Entscheidungskampf, den er zu schlagen habe. Es ging um nichts weniger als um die Frage, ob dieses schöne Land wieder ins Mittelalter zurückfallen werde. Ob es entweder eine Mönchsrepublik oder das Vierte Reich werde!

Er, der hilfsbereite Freund aus Moskau, hatte natürlich wieder Hilfe angeboten. Doch Fischer hatte grinsend abgewinkt: Die hätten keine Chance. Den Sieg habe er in der Tasche. Der einzig ernst zu nehmende politische Gegner, die christlichen Neoliberalen, hatte aus Angst auf die Kandidatur verzichtet. Das schöne Wetter sei sein größter Feind. Es ginge nur noch um 70 oder 80 Prozent.

Die zweite Amtszeit werde er für große Reformen verwenden: eine Verlängerung der Amtszeit um die großen Ferien, den Dachausbau in der Hofburg und einen Jour fixe beim Heurigen mit Wiens Bürgermeister, um zu hören, wo die Bürger der Schuh drückt oder wie das heißt. Das gefiel Putin. Ob nicht Gästezimmer da oben möglich wären? Fischer bat um Verständnis: Vor der Wahl könnte er sich in einer so wichtigen Frage nicht festlegen. Nein, auch nicht für eine weitere Pipeline.

Das alles klang jedenfalls vertraut und dennoch: Während Putin beim Judo-Finale, für das er nach Wien gekommen war, versuchte, nicht ständig auf das Feld zu laufen, um seinen Judokas einen Griff zu zeigen, wunderte er sich: Warum hatten die einen Ruf als Vorzeigedemokraten? Wieso hatte Fischer ihm, dem mächtigsten Mann der Welt, dauernd auf die Schulter geklopft? Woher sollte er in Russland eine Rosenkranz auftreiben?

Vielleicht sollte er am Abend mit Silvio darüber reden. Der konnte das ähnlich gut wie diese Österreicher.

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