DER STANDARD-Kommentar: "Es lebe die Unsicherheit!" von Andreas Schnauder

"Die Wirtschaft wird die Vulkanasche überleben und könnte nützliche Lehren ziehen"; Ausgabe vom 19.4.2010

Wien (OTS) - Ausgerechnet von Island zieht eine Wolke über Europa und die Flugindustrie. Als hätte die kleine Insel mit ihrem verruchten Banksystem nicht schon genug Schaden angerichtet. Erst haben wir Kohle in Island verbrannt, jetzt erhalten wir die Asche zurück, wird bereits gewitzelt. Den betroffenen Wirtschaftsleuten und Konsumenten vergeht das Lachen freilich recht geschwind, ist doch der vom Vulkan verursachte Schaden enorm. Allerdings: Für Panik besteht kein Anlass. Auf längere Sicht könnte die Erkenntnis, dass unser Wirtschaftsleben ebenso wenig risikolos wie steuerbar ist, hilfreich sein.
Die Luftfracht hat seit 2001 - dem letzten Krisenjahr der Branche -einen ständigen Aufschwung genommen. Vor allem hochwertige Güter und Frischeprodukte kommen per Air Cargo in normalen Zeiten rasch und sicher ans Ziel. Dass diese Logistik nicht gerade ressourcenschonend ausfällt, kümmert niemanden. Hauptsache, die Orchideen aus Kenia erfüllen zum Valentins- oder Muttertag ihren Zweck. Ähnliches gilt für frischen Fisch oder Früchte, die quer über den Globus geflogen werden.
Dazu kommt der steigende Handel mit teuren Industriegütern. Treibhausgase hin oder her: Computerchips werden ebenso von China nach Europa wie Pharmazeutika von Deutschland in die USA gechartert. Und der ganze Internet-Boom hat der Luftfahrt zusätzliche Flügel verliehen: Alles, und das noch dazu rasch, zur Verfügung zu haben, dieser Anspruch gilt heute als selbstverständlich. Das Prinzip "just in time" hat sich längst von der Industrie auf den privaten Konsum ausgedehnt.
Und dennoch: Mit einem Umsatz von rund 50 Milliarden Dollar macht der Anteil der Luftfracht auch wertmäßig nur etwas mehr als ein Zehntel der weltweiten Flugerlöse aus. Selbst wenn man mögliche Produktionsausfälle einrechnet, die wegen fehlender Bestandteile eintreten sollten, dürften sich die Auswirkungen der Vulkanasche auf die Sachgütererzeugung in Grenzen halten. Gerade die flexible Transportwirtschaft sollte eine Umstellung auf alternative Verkehrsträger rasch bewerkstelligen. Dass ein Schiff von Asien nach Europa 30 Tage (statt elf Stunden mit dem Flieger) unterwegs ist, kann freilich nicht weggeredet werden.
Anders sieht es beim Personenverkehr aus, der aktuell massive Einbußen erleidet. Das trifft die Industrie mitten in ihrer ärgsten Krise mit einem Umsatzeinbruch im Vorjahr von 15 Prozent. Doch solange der Stillstand vorübergehend ist, wird er weder den Airlines noch dem Tourismus den Garaus machen. Immerhin überlebten die Branchen 2001 auch 9/11 samt Flugsperre und Rezession. Sollte es doch zu Pleiten und zu einer Marktbereinigung kommen, wäre das angesichts der Überkapazitäten und der ruinösen Preisschlacht über den Wolken auch nicht das größte Übel.
Generell sollte man dem sonst so verteufelten Verkehr jetzt nicht allzu viele Tränen nachweinen. Vielmehr verhilft uns Island nach dem Banken-Crash zum zweiten Mal zu einer Nachdenkpause. Mit dem Ergebnis: Der Mensch kann weder Natur noch Wirtschaft exakt planen. Naturereignisse sind ebenso wie menschliche Verhaltensweisen zu komplex, um sie in eine Formel zu quetschen. Die Gleichgewichte beider Systeme sind nicht nur viel fragiler als vermutet, sie hängen auch voneinander ab. Das alles bedeutet große Unsicherheit in unserem ach so glatten Leben. Und das ist gut so.

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