"Die Presse am Sonntag" Leitartikel: Angst vor der Asche, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 18.04.2010

Wien (OTS) - Niemand weiß zwar genau, ob Aschenwolken auch
tausende Kilometer von einem Vulkan entfernt Flugzeuge zum Absturz bringen können. Doch Hauptsache, man kann sich wieder mal richtig fürchten.

Der Eyajafjallajökull macht noch alle wahnsinnig. Als erste die isländischen Geologen, sie sind ja auch am nächsten dran. Der Vulkan habe seine Aktivität intensiviert, ließ Magnus Tumi Gudmunsson die auf den Flughäfen dieser Welt Wartenden am Samstag wissen. Sein Kollege Armann Hoskuldsson, sah hingegen Anzeichen, dass Eyjafjallajökull, die alte Aschenschleuder, sich langsam beruhigt. Also was jetzt? Erste Lektion: Vulkane sind mindestens ebenso unberechenbar wie Chefredakteure.

Ähnlich schwer zu ausrechnen ist, wie gefährlich die Aschenwolken, die der garstige Nordwestwind durch Europa geblasen hat, denn tatsächlich sind. Nichts Genaues weiß man nicht. Weder ist bekannt, ab welchem Konzentrationsgrad die Vulkankörnchen die Triebwerke verkleben und Flugzeuge zum Absturz bringen können. Noch gibt es Messgeräte dafür. Ganz Europa macht sich also prophylaktisch in die Hosen. 16.000 Flüge sind am Samstag deshalb abgesagt worden. Ein Mann flog trotzdem todesmutig durch die Aschenwolke über Wien. Es war der (unfreiwillige Test-)Pilot der Ural Airlines. Seinem Airbus A321 ging auf dem Weg nach Rimini der Sprit aus. Die Maschine musste auf dem verwaisten Flughafen in Schwechat notlanden. Unversehrt allem Anschein nach. Auch die zehn leeren Maschinen, die die Lufthansa am Samstag probeweise von Frankfurt nach München schickte, fielen nicht vom Himmel.

Verdächtig. Doch eine Gesellschaft, die sich lustvoll in einem Sicherheits- und Kontrollwahn suhlt, findet immer einen Grund zum Fürchten. Es sind nämlich schon zwei Mal Flugzeuge beinahe abgestürzt wegen eines Vulkanausbruchs. 1982 fielen über Indonesien minutenlang alle vier Triebwerke eines Jumbos aus, die sich mit Aschepartikel verklebt hatten. 1989 rettete ein Pilot über Alaska seinen Passagieren mit einer ähnlichen Segelflugeinlage das Leben.

Seither sind, kein Witz, neun sogenannte Vulkanaschenberatungszentren über die Welt verstreut. Tauchen nach Vulkanausbrüchen verdächtige Aschenwolken auf ihren Bildschirmen auf, verständigen sie meteorologische Dienste, die wiederum Flugsicherungsbehörden alarmieren. Und dann kann alles still stehen. So wie jetzt.

Eines wird in der institutionalisierten Alarmspirale gerne unterschlagen: Die beiden Flugzeuge, deren Triebwerke damals in Indonesien und Alaska ausfielen, flogen ziemlich nah an einem spuckenden Vulkan vorbeiflogen. In der Nähe von Wien-Schwechat sind, außer vielleicht im übertragenden Sinn, zuletzt keine Eruptionen bemerkt worden. Deshalb drängen die Fluglinien auch darauf, den Verkehr wieder aufzunehmen. Mit jedem Tag, an dem ihre Maschinen am Boden bleiben, verlieren sie Millionen.

Zu warten, bis der Eyajafjallajökull endlich wieder Ruhe gibt, könnte sich als Rezept für den Bankrott erweisen. Denn das könnte Monate dauern, hat einer der isländischen Geologen gesagt. Es kann also stimmen - oder auch nicht.

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