"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Grund, zu gehen?" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 4.4.2010

Graz (OTS) - Warum ich trotz der Fälle von Missbrauch aus der katholischen Kirche nicht austrete.

Fast 25.000 Österreicherinnen und Österreicher haben seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle die Katholische Kirche verlassen. Warum hat mich der Gedanke noch nicht gestreift?

"Ich bin so katholisch, wie ich Mann bin", schreibt Matthias Mattusek im letzten "Spiegel" über seine Gründe, die Kirche nicht zu verlassen. Wenn das so einfach wäre, stellte sich die Frage tatsächlich nicht. Als Mann bin ich geboren, katholisch aber bin ich geworden. Es hätte auch anders kommen können und lässt sich noch immer ändern.

Was müsste passieren, damit mir der Gedanke käme, aus der Kirche auszutreten? Als Hans Küng die Lehrbefugnis entzogen wurde, weil er eine abweichende Ansicht vertrat, war ich knapp dran. Ich fand und finde es höchst lächerlich, Ansichten mit Verboten zu bekämpfen. Als Johannes Paul II. dekretierte, über die Frage des Priestertums der Frau dürfe nicht einmal diskutiert werden, fand ich das empörend. Gegangen bin ich nicht. Wäre es ein Grund gewesen, eine Gemeinschaft zu verlassen, die seit 2000 Jahren auf weitschweifigen Umwegen versucht, ihrem Gründer gerecht zu werden?

Was hat sexueller Missbrauch durch Priester, was die fehlende Streitkultur in meiner Kirche oder ihre Männerfixierung mit Jesus zu tun? Der hat Kinder und Frauen wortgewaltig vor Übergriffen der Machogesellschaft in Schutz genommen. Sein Hang zur offenen Konfrontation mit Gegnern hat ihn das Leben gekostet.
Dass Einzelne dem Anspruch Jesu nicht gerecht werden, dass die Kirche als Ganze über lange Perioden weit neben der Spur lag, ist das ein Zeichen ihrer Gottverlassenheit, von Verrat am Gründungsauftrag?

Es ist leicht, diese Frage mit ja zu beantworten. Es ist auch ein bisschen selbstgerecht. Als ein Journalist von Mutter Teresa wissen wollte, was ihrer Ansicht nach in der Kirche nicht in Ordnung wäre, sagte sie schlicht: "Sie und ich". Das ist radikal und unangenehm. John Henry Newman hat, ehe der Anglikaner zum Katholizismus konvertierte, die Kirchengeschichte nach der Bruchlinie abgesucht, die eine Neugründung rechtfertigte. Er hat sie nicht gefunden und die Konsequenz daraus gezogen.

Um über Kirchenaustritt nachzudenken, müsste ich einen solchen Bruch finden. Missbrauchsfälle sind es so wenig wie päpstliche Dekrete oder die peinlichen Äußerungen eines päpstlichen Predigers, die gestern für Aufregung sorgten.

All das schwächt den Ärger über schwer erträgliche Zustände in der Kirche nicht ab. Aber es nimmt mir die Illusion, das Verlassen meiner Kirche wäre ein Befreiungsschlag. ****

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