Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Das Werte-Gefüge"

Ausgabe vom 3. April 2010

Wien (OTS) - Keine Frage, die Finanzkrise hat die Welt noch komplizierter gemacht. Vieles kam dabei ins Rutschen, auch Werte. Wenn der Chef der Schweizer Credit Suisse einen Bonus von fast 40 Millionen Franken (28 Millionen Euro) erhält, dann ist das für jene, die wegen der Krise ihren Job verloren haben, ein Hohn. Umso mehr, als die Krise von Banken ausgelöst wurde, die weltweite Ungleichgewichte ausgenutzt und damit verstärkt haben. Die Hypo Alpe Adria, die nur durch Notverstaatlichung gerettet wurde, braucht weiter Geld der Steuerzahler. Für einen Arbeiter, der nicht weiß, ob seine Kurzarbeit weiterbezahlt wird, ist es schwer zu verstehen, dass für die Bank Geld bereitsteht, für ihn aber nicht.

Für Banken werden Milliarden ausgegeben, aber wer kümmert sich um die Hungernden in Afrika? Viele Katholiken sind verunsichert, weil viele Seelsorger sich weniger um die Seele gekümmert haben als um bestimmte Körperteile ihrer Schutzbefohlenen. Aus der Wirtschaftskrise wird immer stärker eine globale Sinnkrise. Es gibt auch ein Ungleichgewicht der Werte. Und viele Institutionen, denen die Menschen vertrauen, erweisen sich als dem nicht gewachsen.
Immer stärker auf sich selbst zurückgeworfen, muss sich jeder Mensch mit seinem eigenen Werte-Kanon begnügen. Das wird manchen reichen, den meisten aber wohl nicht. Noch ist unklar, wie Institutionen, die allgemein als "staatstragend" bezeichnet werden, damit umgehen. Die Parteien sind Machterhaltungssysteme geworden. Der Wert "Solidarität" wird von der Sozialdemokratie nur ungenügend vorgelebt. Der Wert "Nächstenliebe" wird von Christdemokraten nicht besonders stark vermittelt. Klientel-Politik, wohin das Auge reicht.
Für demokratische Systeme, die - neben der Legitimation durch Wahlen - vor allem von ihrer Glaubwürdigkeit leben, wäre es notwendig, auch ein "Werte-Ankurbelungsprogramm" zu starten. Die Wirtschaftsentwicklung allein wird nicht genügen. Die Welt, die immer komplexer wird, braucht Anker, von denen sie sich nicht losreißen kann. Menschenrechte gehören dazu, Gerechtigkeit und das Recht auf ein glückliches Leben auch. Es wäre also fein, wenn es nicht nur Kriterien gäbe, die ein Budgetdefizit begrenzen, sondern auch die Erodierung eines Wertegefüges.

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