WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Rezepte von vorgestern ziehen nicht - von Robert Lechner

Lieber eine Stelle im Kindergarten als zehn Kilometer Straße

Wien (OTS) - Wer jetzt glaubt, an den politischen Erfolgsmeldungen in Sachen Arbeitsmarkt ist ein Körnchen Wahrheit dran, dem droht böses Erwachen. Fakt ist, dass die Zahl jener, die arbeitslos gemeldet sind oder an Schulungen teilnehmen, in Summe nach wie vor steigt. Und zwar deutlich: Plus fünf Prozent auf 350.337 lautet die um statistische Finten und Amtsdeutsch bereinigte Nachricht vom Arbeitsmarkt. Ins Bild der Strategie zur Verdrehung der Tatsachen passt, dass im Vormonat um 21.000 Leute mehr in Schulungen versteckt worden sind als im Jahr zuvor. Das AMS ist nun mit 84.017 Schützlingen die bei weitem größte Bildungseinrichtung. Ob all jene, die dieser Tage zum x-ten Mal ein Bewerbungscoaching machen oder den Umgang mit MS-Word lernen, wirklich etwas davon haben, wird nicht so gerne beantwortet.

Auch bei der Suche nach Lösungen der Jobmisere wird weitgehend auf Rezepte von vorgestern vertraut. Immer wieder zu hören sind die Schlagwörter thermische Sanierung und Infrastruktur-Ausbau. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Das ist Unsinn. Politikern und anderen Entscheidungsträgern sei geraten, einmal nachzufragen, woher die bunten Platten kommen, die landauf, landab mit Hochdruck auf Gebäude geklebt werden. Es wird einige überraschen, dass die meisten davon nicht in Österreich produziert werden. Die Wertschöpfung also woanders landet und damit auch der Effekt für den Arbeitsmarkt. Ganz zu schweigen, dass kaum Bauarbeiter nötig sind, um die federleichten Materialien an die Wand zu heften. Die noch größere Lüge passiert freilich im Bereich Infrastruktur. Die Forderung nach Ausbau derselbigen kann in den meisten Fällen als gefährliche Drohung gelten. Arbeit im Straßenbau haben nämlich vor allem Maschinen. Was nachhaltig bleibt, sind die Schulden, in die sich öffentliche Körperschaften stürzen.

Österreich wird seinen Arbeitsmarkt nur in den Griff bekommen, wenn endlich die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Der Schlüssel zum Erfolg ist Ausbildung. Dass hierzulande Arbeit immer teurer sein wird als etwa in Indien oder China, ist langfristig nur damit zu rechtfertigen, dass wir die besseren Köpfe bieten. Und Ausbildung beginnt bereits im Kindergarten. Insofern ist jede neu geschaffene Pädagogen-Stelle mehr wert als zehn Kilometer Straße.

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