TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" 2. April 2010, von Alois Vahrner: "Langer Karfreitag für die Kirche"

Die Kirche steckt durch die Missbrauchsskandale in ihrer schwersten Krise. Es gibt aber Zeichen, dass endlich richtige Lehren gezogen werden.

Innsbruck (OTS) - Dieses bevorstehende Osterfest ist ein ganz spezielles, vor allem für die katholische Kirche. Zum höchsten Fest des Jahres kämpft die Kirche gegen die größte Krise ihrer mehr als 2000-jährigen, sehr wechselhaften Geschichte. Die Welle der von Priestern und in kirchlichen Organisationen an Kindern verübten Missbrauchsfälle hat bei vielen Gläubigen zu Recht Enttäuschung, Entsetzen, Wut und Trauer ausgelöst. Immerhin wurde von Kirchenvertretern ausgerechnet die eigentliche Kernbotschaft des Glaubens schwerstens verletzt: jene von Liebe und Moral.
Sexueller Missbrauch und Gewalt passierte ebenso tausendfach in staatlichen Einrichtungen und leider tagtäglich bis heute in vielen Familien. In all diesen Fällen gehört schonungslos aufgedeckt und, wenn rechtlich noch möglich, von der Justiz mit voller Härte vorgegangen.
Die katholische Kirche indes kann sich damit nicht zufriedengeben. Zu viel Vertrauen wurde zugeschüttet, zu lange wurden Missbrauchsfälle auch von oberer Stelle zugedeckt und vertuscht. Und es gibt jetzt doch Zeichen, dass nicht versucht wird, diese Krise auszusitzen, sondern zu reagieren. Schon der Papstbrief an die irischen Katholiken war, auch wenn es danach viel Kritik gab, in einigen Punkten sehr bemerkenswert. In Österreich geht die Kirchenführung jetzt noch viel weiter als der Vatikan. Das von Kardinal Schönborn gesprochene "Schuldbekenntnis" war an Klarheit (die sonst bei kirchlichen Aussagen zuweilen vermisst wird) kaum mehr zu übertreffen. Dies alles ist ein Anfang, die Kirche wird den beeindruckenden Worten des Kardinals Taten folgen lassen müssen, wenn ihr gegenwärtiger Karfreitag ein Ende haben soll. Und sie wird -Stichwort etwa Sexualmoral oder verheiratete Priester oder Frauen -wie beim letzten Konzil wieder einige Türen aufreißen müssen.

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