"Die Presse" - Leitartikel: Der Leidensweg der Jungen, von Karl Ettinger

Ausgabe vom 02.04.2010

Wien (OTS) - Schranken an Unis, Schulkonzept: Zukunftschancen von Studenten rangieren für die Koalition hinter Ideologie.

Uni-Demonstrant und Hörsaalbesetzer sind zwar nicht einmal Prekariatsjobs, aber irgendwie krisensicher. Dafür sorgt die rot-schwarze Koalition. Diese schafft es im Alleingang, eine Verschlechterung der Situation an den Unis herbeizuführen, wie der aktuelle Konflikt um Beschränkungen für Massenfächer beweist. Statt sich auf vernünftige Zugangsregeln zu einigen, wird lieber für tausende junge Menschen ein Hindernislauf während des Studiums beibehalten, der selbst für engagierte und fleißige Studenten nur schwer zu schaffen ist.
Wenn die rote Parteilinie es so will, werden Argumente ignoriert. Es ist halt viel einfacher, die Mär von 363 Euro Studiengeld pro Semester als Hürde aufrechtzuerhalten, als einzubekennen, dass die SPÖ als langjährige Kanzlerpartei bei ihrem 70er-Jahre-Ziel des Durchflutens der Gesellschaft mit Bildung gescheitert ist, wenn an den Unis noch immer Kinder von Arbeitern unterrepräsentiert sind.

Nun geht der Uni-Ideologiestreit in die nächste Runde. Die SPÖ stimmt zwar dem Vorhaben der schwarzen Wissenschaftsministerin Beatrix Karl zu, beim regelrecht gestürmten Publizistikstudium die Notbremse zu ziehen, nicht aber bei jenem für Architektur - und sie stimmt schon gar nicht dem Vorstoß von WU-Rektor Christoph Badelt für Beschränkungen beim Zugang zur Wiener Wirtschaftsuniversität zu. Dabei rempeln sich dort die tausenden Studenten gegenseitig im Kampf um Plätze und Seminare schon mehr als die Spieler bei einem durchschnittlichen Eishockey-Match.
Für die Sozialdemokraten zählt vor allem, dass bei jeder Universität das Schild draußenhängt: "Für alle geöffnet." So wird zumindest der Schein gewahrt. Drinnen bleibt dann hunderten Studentinnen und ihren männlichen Kommilitonen die Luft weg, sodass sie frustriert freiwillig aufgeben oder - auf ihre eigenen Kosten, jener der Eltern und der Steuerzahler - mangels entsprechender Betreuung viel länger bis zum Studienabschluss brauchen.
Ministerin Karl lässt es nun auf ihre erste Kraftprobe in der Regierung ankommen. Das ist der bisher letzte Stein in dem Mosaik, das SPÖ und ÖVP von den heimischen Hochschulen zusammensetzen. Da haben sie an zwei unterschiedlichen Stellen damit begonnen und wundern sich jetzt, dass diese beiden Teile einfach nicht zusammenpassen.
Für die Österreicher, die Verantwortlichen an den Universitäten und die betroffenen Jugendlichen kommen die Auseinandersetzungen hingegen viel weniger überraschend. Denn seit den Demonstrationen und Aktionen an den Unis im Spätherbst des Vorjahres war zwar das Wort Dialog das meistverwendete Vokabel rund um das auf dem Minoritenplatz in der Wiener Innenstadt beheimatete Wissenschaftsressort. Nur hat es weder SPÖ noch ÖVP geschafft, den Eindruck zu vermitteln, sie wüssten wirklich, welches Uni-Konzept sie bei diesem Dialog anstreben. Freilich ist das Beflegeln durch ein paar Aktionisten, als sich Karl im März einer Aussprache gestellt hat, auch keine Antwort.

Im Schulwesen sieht es nicht viel besser aus, obwohl nun Gesetzesentwürfe zur Ausweitung der Zentralmatura auf berufsbildende höhere Schulen vorliegen. Schließlich sind noch nicht einmal alle Details der AHS-Zentralmatura geklärt. Sonst glaubt Unterrichtsministerin Schmied, mit einem Etikettenschwindel - ihre "Neuen Mittelschulen" sind umgetaufte und etwas besser ausgestattete Hauptschulen - und einer teuren PR-Aktion für eine nicht stattfindende Bildungsreform sei es getan. Viele Schulen wären dankbar, bekämen sie nur einen Teil der 900.000 Euro für die "Rock"-Bundeshymne zu Werbezwecken.
Die ÖVP macht es Schmied aber auch leicht. Zwar lässt wie etwa ÖAAB-Chef Michael Spindelegger mit seinem Plädoyer für Eliteschulen in jedem Bundesland der eine oder andere schwarze Politiker mit einer Idee aufhorchen. Aber wo bleibt der große Gegenentwurf der ÖVP? Kein Wunder, dass Beamtenchef Fritz Neugebauer oft allein die wenig sattelfeste Schmied und ihre Einflüsterer im Griff hat.
Dafür hören die Jungen dann, wie am Donnerstag angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen, wieder die Politikerlitaneien, wie sehr Bildung ihre Chancen verbesserte. Steuerzahlern wird eingebläut, dass Österreich in Bildung investieren muss, um international mithalten zu können. Dabei ist es die Regierung selbst, die da mit ihren Versprechen und Vorsätzen nicht Schritt halten kann. Der Leidensweg für die Jungen geht daher auch nach der Karwoche weiter.

Rückfragen & Kontakt:

chefvomdienst@diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001