"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der erste Schritt aus der Vergangenheit" (Von FLOO WEISSMANN)

Ausgabe vom 1. April 2010

Innsbruck (OTS) - Bei der Aufarbeitung seiner Rolle in den Balkankriegen hat Serbien noch einen steinigen Weg vor sich.

Eine halbe Generation hat es gebraucht, bis auch Serbien das Massaker von Srebrenica verurteilt. Der Mord an Tausenden Zivilisten gilt als das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Gemessen an dem, was der Westen über Srebrenica denkt, fehlt in der Resolution des serbischen Parlaments Entscheidendes: der Begriff Völkermord und die Namen der Verantwortlichen. Opfer-Organisationen sind zu Recht empört. Doch gemessen an der öffentlichen Meinung und an der politischen Realität in Serbien bedeutet die Resolution einen Schritt nach vorne. Die Entschuldigung für das Massaker kann am Beginn einer schmerzhaften und für die Akteure riskanten Aufarbeitung der Rolle Serbiens in den Balkankriegen stehen.

Viele Serben sehen ihr Land nach wie vor in erster Linie als Opfer und die Verfolgung von Kriegsverbrechern als allein antiserbisch motiviert. Und in der Politik und bei den Sicherheitskräften verfügt die alte Garde weiterhin über großen Einfluss. Stärkste politische Kraft sind die Ultranationalisten, deren Chef in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagt ist. Und die Sozialisten von Slobodan Milosevic, der als wichtigster Drahtzieher der Balkankriege gilt, sitzen heute als Juniorpartner wieder in der Regierung.

Nach dem Krieg haben Isolation und Not jahrelang den radikalen Kräften in die Hände gespielt und das Land in den Klauen des Nationalismus gehalten. Als Hilfe bei der mentalen Öffnung und dem wirtschaftlichen Aufbruch braucht Serbien deshalb die europäische Perspektive. Umgekehrt braucht Europa auch Serbien. Es ist das zentrale, größte und am weitesten entwickelte Land am Westbalkan. Dort liegt der Schlüssel zu Frieden und Entwicklung in der Region. Doch der Weg ist noch lang und steinig, wie das Ringen um die Srebrenica-Resolution zeigt. Die Befreiung aus der Vergangenheit bleibt in Serbien ein Projekt für eine Generation.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001