"Kleine Zeitung" Kommentar: "Jetzt ist Serbien zu einer Nation geworden" (Von Norbert Mappes-Niediek)

Ausgabe vom 1.4.2010

Graz (OTS) - Wer hat denn angefangen? Und wer redet von unseren Opfern? So klang es bisher in Serbien, wenn - selten genug - die Rede auf den Krieg kommt. Es sind die Denkfiguren einer Kriegspartei. Parteien erkennen sich immer in der jeweils anderen, fragen ständig, wer von beiden Recht hat, wer schlimmer war, wer sich am Ende zum moralischen Sieger krönen darf. Sie rechtfertigen sich vor sich selbst. Nationen tun so etwas nicht. Sie nehmen ihr Daseinsrecht aus ihrer Existenz und bekennen sich zu ihrer historischen Rolle, ihrer Täterschaft im Guten und im Bösen. Mit seiner Resolution zu Srebrenica ist Serbien von einer Kriegspartei zur Nation geworden.

Der Text ist nicht so klar wie eine Anklageschrift, die Geste nicht so anrührend wie der Kniefall des deutschen Kanzlers Willy Brandt 1970 vor den Opfern des Warschauer Ghettos. Entscheidend ist, dass die Erklärung keine argumentativen Hintertüren offen lässt. Dass das Wort "Völkermord" nicht vorkommt, war ein Zugeständnis an die Sozialisten, die damals an der Macht waren und heute wieder mitregieren. Wichtiger ist, dass Serbien sich den Spruch des Internationalen Gerichtshofs von 2007 zu eigen macht und dessen Darstellung des Massenmords ausdrücklich bekräftigt.

Anders als die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal war diese Erklärung keine ausländische Auftragsarbeit. Hier ging es wirklich um Serbien und sein Selbstverständnis, nicht um den berühmten "Preis", den man zu zahlen hat, um bald in die EU zu kommen. Das Pathos und die Selbstergriffenheit in solchen "Sternstunden der Demokratie" mögen Skeptiker stören. Aber in gehörigem zeitlichem Abstand wird sich erweisen, was Würde und was Kitsch war.

Für ausländische Ohren mag es merkwürdig klingen, wenn Serbien sich nur beschuldigt, es habe nicht alles unternommen, das Massaker zu "verhindern". In der Welt gilt schließlich Slobodan Milosevic als der eigentliche Täter. Aber mit der Formulierung definiert Serbien sich selbst: Es grenzt sich ab gegen bosnische Serben, die eben nicht dazugehören. Als Stehlen aus der Verantwortung ist der Schritt falsch interpretiert, denn Serbien spricht sich von Schuld nicht frei. Nähme es alles auf sich, bliebe für bosnische Serben kein Platz mehr.

Um den Hals fallen, wird den Serben deswegen niemand. Die Resolution bezweckt keine gönnerhaften Versöhnungsgesten. Sie kann aber andere kriegsbeteiligte Nationen - Kroaten und Bosniaken - freimachen, sich mit ihrer eigenen historischen Rolle auseinanderzusetzen.****

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