Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Kreativ im Kleinhalten"

Ausgabe vom 1. April 2010

Wien (OTS) - In der Ökonomie gibt es den Begriff des "Potenzial-Wachstums". Das ist - salopp ausgedrückt - die mögliche Steigerung der Wertschöpfung, wenn existierende Stolpersteine aus dem Weg geräumt würden. Dazu zählen bürokratische Hemmnisse aller Art. Österreich könnte allerdings ein deutlich höheres Wachstum haben, wenn auch der Stolperstein im Denken beiseite geräumt würde.

Kreativität wird in vielen Bereichen viel zu wenig gefördert - und dabei ist Förderung nicht im Sinn von Subventionen gemeint.
Dabei geht es um eine offene Einstellung dem Neuen gegenüber. Hätte Steve Jobs in Österreich gleich zweimal mit Apple einen Welterfolg landen können? Wäre es möglich, in Österreich ein Facebook aufzubauen?

Vermutlich nicht. Denn interessanterweise wird viel Energie darauf verschwendet, Kreativität klein zu halten. Ideen werden gerne "nieder administriert" - weil sie ein Risiko beinhalten könnten.
Es beginnt in der Schule. Talente werden immer noch tendenziell nivelliert denn gefördert. Das liegt zum Teil an den Lehrern selbst, zum Teil aber an der Schulorganisation. Die Politik hat alles gern im Griff, freie Geister sind eher störend. Und wenn dies im Lehrkörper beginnt, setzt es sich bei den Kindern und Jugendlichen fort.

Wer dann als Erwachsener eine Idee hat, wird sich ziemlich schwer tun, eine Bank zu finden, die ihm diese finanziert. Selbst überschaubare Kredite bleiben aus (oder sind zu teuer), wenn nur das Risiko des Scheiterns besteht.

Diese Risikoscheu bewirkt, dass vor allem jene Karriere machen, die sich so absichern, dass nie sie selbst die Verantwortung für ein Risiko tragen müssen. Das bedeutet aber auch, andere möglichst klein zu halten.

Wenn es Österreich schaffen könnte, Ideen zu fördern, statt sie wegzureden, dann wäre vermutlich gar keine ausgefuchste Innovationsstrategie notwendig. Dann wäre das "Potenzialwachstum" in Österreich höher als in anderen Ländern. Denn die vielen Beispiele erfolgreicher Österreicher im Ausland, die sich im Inland nie entfalten konnten, belegen eines: Österreich ist ein Land der kreativen Köpfe - beziehungsweise wäre es.

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