Die Presse - Leitartikel: Die Krise der Verantwortung, von Michael Prüller

Ausgabe vom 27.10.2010

Wien (OTS) - Von Missbrauch bis Maastricht: Wo Verantwortung nicht persönlich, klar definiert und folgenreich ist, versagt sie.

Die De-facto-Haftungserklärung der EU-Regierungen für Griechenlands Staatsschuld war wohl unumgänglich, damit das ganze Euro-Werkel nicht auseinanderfliegt. Aber sie bringt allen die falsche Lektion bei:
dass man ruhig über die eigenen Verhältnisse leben kann, dass man als Investor bei Staatsanleihen ruhig leichtsinnig Risken eingehen kann, dass europäische Integration bedeuten kann, dass wir auf einmal Verpflichtungen haben, von denen uns vorher keiner was gesagt hat. Wer trägt dafür die Verantwortung? Wer steht dafür ein? Der Maastricht-Vertrag sieht leider keine Strafverfahren für Politiker vor, die - wie jahrelang die griechische Regierung - Defizitbetrug begehen. Soll man die Griechen selbst belangen - immerhin haben sie ja diese Regierung gewählt? Und wer hat eigentlich die Regierung so schlecht beaufsichtigt? Und wer hat diese Aufsichtsorgane so eingerichtet, dass sie offenbar ungenügende Arbeit verrichten konnten? Und wer hat die Schönwetterregeln des Maastricht-Vertrages zu verantworten?
Verantwortlichkeiten sind hier nie klar definiert worden, nämlich persönliche Verantwortlichkeiten. Und wenn niemand persönlich für etwas einstehen muss, werden sich die Dinge auch nicht bessern. Das ist kein Sonderfall. Nehmen wir etwa die Banken: Scheinbar ist dort die Verantwortlichkeit genau geregelt. In Wirklichkeit jedoch passiert vieles, für das dann doch niemand Rechenschaft ablegen muss. Wer hat die zu hohen Risken zu verantworten? Der Treasurer? Die Vorstände? Die Aufsichtsräte? Die Wirtschaftsprüfer? Die Aktionäre? Nein, nein: das System! Oder alle anderen. Wer hat auf der Gegenüberseite persönliche Konsequenzen ziehen müssen für verfehlte oder unerfüllte Kontrollpflichten? Niemand. Und weil niemand wirklich zur Verantwortung gezogen wird, macht man weiter wie bisher. Man ist ja lernfähig.
Auch das Thema dieser Tage, der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, zeigt so ein Muster: Während sich der gewöhnliche Mensch irgendwie darauf verlassen hat, dass es da ohnehin genaue Verantwortlichkeiten gibt, die wahrgenommen und kontrolliert werden, war es in Wirklichkeit gar nicht so. Es gibt etwa keine ordentliche staatliche Aufsicht über Internate, und das Gesetz stellt nicht einmal jeden Missbrauch unter Strafe. Und erst der kirchliche Bereich: Bischöfe etwa sind nicht verantwortlich dafür, was die Orden in ihrem Diözesangebiet tun. Und der Papst wiederum ist in Personalfragen viel weniger Aufsichtsorgan über die Bischöfe, als man glaubt. Seine Behörde ist zwar seit einiger Zeit für die Missbrauchsfälle zuständig, braucht aber offenbar nicht selten acht Monate ab der Anzeige, um ein Verfahren einzuleiten. Und Rücktritte wegen unzureichend wahrgenommener Verantwortung sind in der Kirche sowieso immer noch verpönt; wohl aus Angst, dass ja dann jeder versuchen könnte, einen aus dem Amt zu pressen.
Ob der Papst beauftragt ist, den Zölibat aufzuheben oder die Sittenlehre umzustürzen, mögen Theologen beurteilen. Ob er aber als sichtbarer Chef der Gesamtinstitution für die richtigen Strukturen gesorgt hat, um Missbrauch in der Kirche in der Vergangenheit aufzuarbeiten und in der Zukunft zu minimieren - diese Frage muss er sich wohl auch von der Welt stellen lassen, ohne dass man das als "Kampagne" gegen den Papst denunziert. Das wäre ein unbefangener Umgang mit der eigenen Verantwortung, gerade für den Proponenten eines freien, eigenverantwortlichen und sozial verpflichteten Menschseins.

Freilich: Auch die klaren Verantwortungsstrukturen haben ihre Tücken, wenn man sie kleingeistig lebt. So hat sich etwa der irische Kardinal Brady, der einen Missbrauchsfall der 70er-Jahre damals nicht gemeldet hatte, damit gerechtfertigt, er wäre für eine Meldung nicht zuständig gewesen. Und Rücktritte sind mitunter eher ein Ausweichen vor der Verantwortung als ihre Wahrnehmung, dienen eher der Beruhigung der Gemüter als der Ahndung von Fehlverhalten. Aber trotzdem: Eine Gesellschaft, deren Schmerztoleranz sehr niedrig geworden ist, hat unweigerlich eine verheerende Antwort auf verschlampte Verantwortungskultur: lückenlose Kontrolle und Prävention - mehr Überwachung, mehr Misstrauen. In Großbritannien etwa müssen sich künftig alle Menschen ab 16, die mit Kindern zu tun haben, einer polizeilichen Unbedenklichkeitsuntersuchung stellen.
Statt freier Menschen, die auch harte Konsequenzen ihres Handelns tragen, steht dann am Ende die kontrollierte Gesellschaft, die noch dazu die persönliche Verantwortung zugunsten einer Institution aufgegeben hat, die sich am effizientesten selbst der Kontrolle entziehen kann: dem Staat.

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