"KURIER-Kommentar von Christoph Kotanko: "Darf man Mitleid mit Neonazis haben?"

Die ORF-Doku über zwei Skinheads löst ungewollt Grundsatzdebatten aus.

Wien (OTS) - Zwei ORF-Sendungen hatten am Freitag spätnachts Rekordquoten: Die umstrittene "Am Schauplatz"-Reportage über zwei Wiener Skinheads verfolgten 458.000 Zuseher, der anschließende grottenschlechte "Club 2" hatte immer noch 378.000.
Für die Vorauspropaganda hatte FPÖ-Chef Strache gesorgt. Er behauptete, ein ORF-Mitarbeiter habe zwei Neonazis als Kampfkomparsen gegen ihn verwendet. Sie hätten Geld bekommen und seien angestiftet worden, bei einer FPÖ-Veranstaltung neonazistische Parolen zu rufen. - Der ORF weist diese Vorwürfe zurück.
Die TV-Reportage hat - ungewollt - eine Grundsatzdebatte über mediale Inszenierungen ausgelöst. Das eigentliche Thema, die Milieustudie (Jugendliche am rechten Rand), wurde zweitrangig.
Dabei verdient beides Beachtung.
Medien können schon aus Zeit- und Platzgründen nie alles abbilden. Die Journalisten wählen aus, was sie für wichtig und richtig halten. Das gilt für gedruckte Medien: Wenn ein Interview eine Stunde dauert und die Abschrift des Tonbands 900 Zeilen ergibt, werden jene 250 Zeilen selektiert, die auf einer Zeitungsseite Platz haben. Es gilt noch mehr für Film und Fernsehen. Auswahl des Sujets und der Darsteller, Dramaturgie, Kameraführung, Schnitt, Text, Ton - all das ergibt (auch im Dokumentarfilm) eine konstruierte Realität.
"Objektiv" ist das naturgemäß nicht. Es gibt keine keimfreie "Objektivität". Entscheidend ist das Bemühen um Fairness und Vollständigkeit. Öffentlich-rechtliche Sender sind dazu sogar gesetzlich verpflichtet.
Gefährlich wird es, wenn sich Journalisten nicht als Berichterstatter, sondern als Akteure, als Partei verstehen. Es ist denkbar, dass das beim ORF-Streifen geschah. Erwiesen ist es nicht. Eines hat die TV-Doku erreicht - sie wurde, losgelöst von ihrem Inhalt, selbst zum Thema: Das Medium als Botschaft.
Dabei war der Anlass spannend genug: "Am rechten Rand" schildert das Los zweier armer Teufel zwischen Gemeindebau, AMS und Gericht. Ihrem patscherten Leben wollen sie entfliehen, indem sie sich ("mir san reinrassige Öst'rreicher") eine Identität als Neonazis basteln. Ihre Triebfeder ist die Angst - Angst vor dem Abstieg; Angst vor dem Tempo der Veränderungen; Angst, das eigene Leben nicht steuern zu können.
Aus dieser Unsicherheit schlägt ein Strache Kapital.
Das kann er aber nur, weil die gewöhnliche Politik mit ungewöhnlichen Herausforderungen nicht fertigwird. Was tun mit einem Burschen, der keinen Hauptschulabschluss schafft, weil er lieber im Bett bleibt? Wie verändert man Zustände, bei denen nach dem Scheitern der Eltern auch die Katastrophe der Kinder programmiert ist? Muss man in jeder Generation einen Teil verloren geben? - "Am rechten Rand" zeigt bemitleidenswerte Einzelschicksale. Doch Mitleid ist zu wenig. Man muss die Verhältnisse verändern. Sonst werden die Einzelfälle zum Massenphänomen.

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