ÖAMTC-Expertenforum: (K)einschlafen beim Fahren - Gefahren des Sekundenschlafs ins Bewusstsein der Menschen rücken

4,3 Prozent aller Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang sind auf Übermüdung zurückzuführen - Dunkelziffer wesentlich höher

Wien (OTS) - Die Ergebnisse der Unfallforschung sprechen eine eindeutige Sprache: Nur wer ausgeschlafen hinter dem Steuer sitzt, kann brenzlige Situationen im Straßenverkehr rechtzeitig erkennen und entsprechend darauf reagieren. Ärzte und Schlafforscher, Psychologen, Fahrtechniker und Straßenbauer sind sich darüber einig, dass zu viele Lenker übermüdet hinter dem Steuer sitzen und damit gefährliche Situationen - nicht selten mit tödlichem Ausgang - heraufbeschwören. Inwieweit man dieser Gefahr der Übermüdung vorbeugen kann, war Thema eines heutigen Expertenforums. Dieses hat der ÖAMTC in Kooperation mit der ASFINAG, der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin ÖGSM/ASRA, dem Institut für Schlaf-Wachforschung (ISWF) und der Medizinischen Universität Wien durchgeführt.

25 Verkehrstote gab es im Jahr 2009, deren Unfall direkt auf Übermüdung zurückzuführen war. "Das entspricht einem Anteil von 4,3 Prozent an allen Verkehrsunfällen mit tödlichem Ausgang. Die Dunkelziffer liegt aber wesentlich höher", sagt Klaus Machata vom Kuratorium für Verkehrssicherheit. Denn, das Bewusstsein dafür, dass Schlafmangel gefährlich sein kann, ist hierzulande noch immer zu gering. "Es ist Aufgabe des Arztes, betroffene Patienten über ihre eingeschränkte oder fehlende Fahrtauglichkeit zu informieren", sagt Wolfgang Mallin, Oberarzt am LKH Hörgas-Enzenbach bei Graz und Leiter des dortigen Schlaflabors. In seinem Referat weist er eindringlich auf die Ursachen und Kosten müdigkeitsbedingter Verkehrsunfälle hin. Ein weiterer Grund: "Die Menschen schlafen heute bis zu zwei Stunden weniger als noch vor hundert Jahren. Wer schläft, gilt mancherorts sogar als faul und unproduktiv - das Gegenteil ist aber der Fall", sagt der Schlafforscher.

"Entgegen allen Beteuerungen der Werbung und Lifestyle-Blätter ist Schlaf nach wie vor die beste Methode, um Müdigkeit und Schläfrigkeit abzubauen", sagt Gerhard Klösch von der Medizinischen Universität Wien und Vorsitzender des Instituts für Schlaf-Wach-Forschung (IWSF). Nicht Aufputschmittel oder laute Musik sind probate Hilfen um gegen Müdigkeit anzukämpfen, sondern kurze Schlafpausen, sogenannte Power-Naps von maximal 20 bis 30 Minuten Dauer.

Tagesschläfrigkeit - nicht zu verwechseln mit körperlicher Erschöpfung (Fatigue) - muss nicht zwingend krankhaft sein. "Zahlen aus Deutschland zeigen aber, dass 3,3 Millionen Deutsche, also vier Prozent der Bevölkerung, häufig oder dauerhaft eine Einschlafneigung untertags zeigen", schildert Sylvia Kotterba, Neurologin an der Ammerland-Klinik in Westerstede, Deutschland. Besonders häufig unter den Schlaferkrankungen ist das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom, das in großem Maß auch von der körperlichen Konstitution abhängt, insbesondere dem Body-Maß-Index und der Fettverteilung. Überwiegend betroffen sind Männer. "Berufskraftfahrer sind aufgrund ihres beruflich auferlegten Lebensstils besonders prädisponiert", sagt die Neurologin. "Durch eine adäquate Therapie kann die Unfallhäufigkeit allerdings signifikant gesenkt werden."

Die Gefahr des Einschlafens ist generell in monoton empfundenen Situationen am größten. "Bei Lkw-Fahrern ist nicht die Überforderung das Problem, sondern eher die Unterforderung", weiß Gerhard Blümel, Leiter der ÖAMTC-Fahrerakademie. "Durch sie neigen manche Fahrer besonders auf langen Strecken dazu, Nebentätigkeiten nachzugehen, wie beispielsweise telefonieren oder essen. Darunter leidet die Aufmerksamkeit." Kommt es mit einem Lkw zu einem Unfall, ist der Ausgang oft besonders fatal, weil viel mehr Kraft und Masse involviert ist, als bei einem Pkw.

Bei der Asfinag geht man davon aus, dass bis zu einem Drittel der tödlichen Verkehrsunfälle auf Autobahnen und Schnellstraßen durch Müdigkeit ausgelöst werden. "Angesichts dieser Brisanz hat das Thema Müdigkeit und damit die Verkehrssicherheitsarbeit einen sehr hohen Stellenwert", betont Bernhard Lautner von der Asfinag Verkehrssicherheit. Daher werden Raststationen und Rastplätze sukzessive moderner und attraktiver gestaltet, um zum Anhalten und Ausruhen einzuladen. Weiters werden Verkehrskontrollplätze errichtet, wo unter anderem auch die Lenk- und Ruhezeiten kontrolliert werden können. Österreichweite Kampagnen sollen das Bewusstsein der Kraftfahrer schärfen wie z. B. mit der Aktion "Mach mal Pause!". In der Unterstützung von Forschungsprojekten erwarten sich die Experten der Asfinag zweckmäßige Grundlagen für die weitere Entwicklung bei der Gestaltung des Straßenraums von Autobahnen. "Menschen, die bereits übermüdet im Auto sitzen, gefährden letztendlich nicht nur sich selbst", sagt Lautner. Bei der Umsetzung und Ausgestaltung von straßenbaulichen Maßnahmen fließen Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung ein. Mittlerweile gang und gäbe im hochrangigen Straßennetz sind Randabsicherungen durch Leitschienen oder Rumpelstreifen, die im Kontakt mit den Fahrzeugreifen ein warnendes Geräusch erzeugen.

Eine andere Möglichkeit bieten im Fahrzeug eingebaute Warnsysteme, die aufgrund charakteristischer, durch Übermüdung hervorgerufenen Fahrverhaltens (z. B. eckiges und ruckartiges Lenken) das Fahrzeug zum Stillstand bringen. "Trotz all dieser Bemühungen sind wissenschaftliche Studien zum Themenbereich "Sekundenschlaf und Straßenverkehr" nach wie vor dringend notwendig", sind sich alle Referenten einig. Hilfestellungen gibt es einige. "Letztendlich liegt es in der Verantwortung jedes einzelnen Lenkers, in welchem Zustand er sich ins Fahrzeug setzt", sagt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger abschließend.

Rückfragen & Kontakt:

ÖAMTC-Öffentlichkeitsarbeit, Eva Käßmayer, Tel.: +43 (0) 1 711 99-1218, pressestelle@oeamtc.at, http://www.oeamtc.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | OCP0001