Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Spiel mit dem Feuer"

Ausgabe vom 20. März 2010

Wien (OTS) - Deutschland schließt nicht aus, dass es für Griechenland Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) geben wird. Selbst wenn nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde, ist der Satz desaströs. Er offenbart ein selbstgefälliges, auf sich konzentriertes Deutschland. Für die Eurozone sind solche Debatten furchtbar.

Denn der Euro etablierte sich bis zum Ausbruch der Schuldenkrise klar als zweitstärkste Währung der globalisierten Welt. Die Basis einer Währung ist aber nicht der Wechselkurs, sondern Vertrauen. Währungspolitik ist kein logisches Geschäft, sondern eine quasi-religiöse Veranstaltung. Die Welt glaubt an den Dollar, daher notieren alle wichtigen Rohstoffe in Dollar.

Die USA präsentieren sich als "gemeinsamer Währungsraum", wie es so schön heißt. Nie würde es einer Regierung in Washington einfallen, einen hochverschuldeten Bundesstaat (sagen wir Ohio) der globalen Krisenfeuerwehr IWF zu überlassen. Die USA sind stark genug, die Probleme selbst zu lösen - das ist die Botschaft, und sie gefällt allen. Die EU ist kein Bundesstaat, aber stark genug, um ihre Probleme selbst zu lösen. Unterlassene Hilfeleistung für Griechenland oder den Austritt eines Landes aus der Eurozone zuzulassen, das wäre der Anfang vom Ende des Euro. Auch Brüssel könnte zusperren. IWF-Hilfe in der Eurozone würde bedeuten, dass Länder wie die USA oder Japan mitreden bei der Sanierung des betroffenen europäischen Staates. Eine beschämende Vorstellung.

Deutschland schert sich derzeit nicht darum. Die aus dem Tritt geratene CDU/FDP-Koalition in Berlin; deren drohendes Desaster bei den Regionalwahlen in Nordrhein-Westfalen; die Verschuldung von Deutschland selbst; der kurzfristige Vorteil eines schwachen Euro für die Exportindustrie: Alles scheint wichtiger zu sein als der Euro.

Frankreich hält noch dagegen, die anderen 25 EU-Länder kaum. Das wäre aber dringend notwendig, denn ein Zerbrechen der Eurozone wäre wirtschaftlich eine Katastrophe und würde kleinere Länder wie Österreich hart treffen. In letzter Konsequenz aber auch Deutschland selbst, denn das mächtigste EU-Land macht die meisten Geschäfte innerhalb Europas. Am Ast zu sägen, auf dem man sitzt, das machen aber nur dumme Menschen.
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