"KURIER"-Kommentar mit Christoph Kotanko: ""Das verschmutzte Gesicht der Kirche""

Wer von diesem Papst große Veränderungen erhofft, muss sich gedulden.

Wien (OTS) - In seiner Karfreitags-Meditation vor fünf Jahren
sagte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation zu Missständen in der römisch-katholischen Kirche: "Das verschmutzte Gewand und Gesicht der Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie verschmutzen."
Die Glaubenskongregation besteht seit dem Jahr 1542 und hat die Aufgabe, "die Glaubens- und Sittenlehre in der ganzen Kirche zu fördern und zu schützen." Diese Zentralbehörde lenkte von 1981 bis zur Papstwahl 2005 Josef Ratzinger. Er leitet nun als Benedikt XVI. die größte Glaubensgemeinschaft der Erde.
Die Kirche ist mit einer riesigen Herausforderung konfrontiert. Sie hat das Grundvertrauen ungezählter Schützlinge verraten. Die Gläubigen reagieren mit Scham und Wut auf die Tatsache, dass in kirchlichen Institutionen über Jahre und Jahrzehnte Priester Kinder missbraucht haben. Niemand weiß darüber mehr als der heutige Papst. In der römischen Kongregation, deren Präfekt Ratzinger 24 Jahre war, werden alle schweren Sexualdelikte von Klerikern aus der ganzen Welt gesammelt und unter strenger Geheimhaltung behandelt.
Nach dieser Vorgeschichte ist der Erwartungsdruck riesig: Was verkündet der Papst in seinem Hirtenbrief, der heute veröffentlicht wird?
Im Vorfeld wurden von Vertrauten Benedikts keine großen Hoffnungen auf fundamentale neue Einsichten gemacht. Ausgangspunkt sei der tausendfache Missbrauch von Kindern in der irischen Kirche; dazu war im Dezember ein Schreiben avisiert worden. Heute will der Papst "den irischen Katholiken, aber auch allen Episkopaten deutlich die nötigen Wege weisen, wie die Plage der Pädophilie ausgemerzt werden kann" (Kardinal Saraiva Martins).
Ein Aufruf zur Reue und die Hoffnung auf Vergebung ist freilich zu wenig. Den massenhaften Missbrauch von Kindern in Heimen, Schulen, Chören, Internaten bekämpft man nicht durch wohlgesetzte Reden. Notwendig ist die Erforschung der Ursachen und Strukturen, die derlei Ungeheuerlichkeiten ermöglichen. Drängend ist z. B. die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Zölibatsgesetz und Kindesmissbrauch.

Der Theologe Hans Küng hat diese Woche daran erinnert, dass der Pflichtzölibat keine unverrückbare Glaubenswahrheit ist, sondern ein Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert. "Der Zölibat ist nicht ,heilig', nicht einmal ,selig'; er ist eher unselig, insofern er zahllose gute Kandidaten vom Priestertum ausschließt und Scharen heiratswilliger Priester aus dem Amt vertrieben hat" (Küng in der Süddeutschen Zeitung).
Priestertum, Ehelosigkeit, Frauen, Sexualmoral - dazu müsste der Papst zeitgemäße Antworten geben. Doch wer sich von einem 83-jährigen zölibatären Herrn große Veränderungen erwartet, muss sich gedulden. Vielleicht schafft es der nächste Papst. "Ein jegliches hat eine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde" (Altes Testament, Prediger, Kapitel 3, Vers 1).

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