WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Eine Geschichte über den Supergau - von Wolfgang Unterhuber

Die nächste Krise lässt sich nicht verhindern

Wien (OTS) - Kennen Sie Bill Demchak? Nein? Demchak arbeitete 1997 bei J.P. Morgan und sah Folgendes: Eine Bank sitzt auf einem Zehn-Millionen-Dollar-Kredit an ein Unternehmen, hat aber Zweifel an dessen Zukunft. Gesucht wird ein Partner (Fondsgesellschaft), der gegen eine Jahresgebühr von 100.000 Dollar das Risiko des Kreditausfalls übernimmt beziehungsweise versichert. Kann das Unternehmen nicht zahlen, zahlt die Fondsgesellschaft die zehn Millionen an die Bank. Zahlt der Unternehmer hat die Bank nur Einnahmen, abzüglich der 100.000. Dieser Austausch von Verbindlichkeiten - vereinfacht auch Swap genannt - hilft den Banken, ihre Risiken zu verteilen. Sie können die versicherten Außenstände aus ihren Büchern streichen, denn sie erhalten, in der Theorie, ihr Geld so oder so zurück und haben Mittel für immer neue Kredite frei. Demchaks Leute werden die Swaps und die Verbriefung zusammenbringen. Sie werden die Credit Swaps verbriefen und zur Grundlage von Wertpapieren machen. Für diese Kernfusion wird sie die Finanzwelt feiern.

Zwölf Jahre später geht man bei der Schweizer Großbank UBS daran, intern und schonungslos den Grund für den Finanz-Supergau zu ergründen. Fazit: Das eigene Management hatte zuwenig Fachwissen. Das Gesamtrisiko wurde überhaupt nicht erfasst. Es war, wie Professor Teodoro D. Cocca von der Linzer Kepler-Universität heute sagt, die "Geschichte eines kompletten Versagens". Dazu kommt: Banken, Aufsichtsbehörden und Ratingagenturen arbeiteten - und tun es noch -mit denselben akademischen Risikomodellen. So multiplizieren und stützen sich Fehler gegenseitig.

Beim nächsten G20-Gipfel werden die Köpfe rauchen. Eine globale Superfinanzmarktaufsicht soll her, die einen Beinahe-Totalausfall des Finanzsystems, wie er jetzt geschah, auf alle Zeiten verhindern soll. Teodoro Cocca hat dazu eine klare Meinung: Es wird nicht klappen. Schon allein, weil China nicht mitmachen wird. Auch sonst stünden nationale Interessen über internationalen Lösungsansätzen. Es sei eine große Illusion zu glauben, dass mit Kontrollen und Regulierungen aller Art eine neuerliche Krise zu verhindern sei. Cocca hat Recht!

Die nächste Krise kommt bestimmt. Denn irgendwo sitzt bereits wieder ein Bill Demchak und bastelt an einer neuen Bombe.

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