"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Gefahr des Missbrauchs lauert überall" (Von MARIO ZENHÄUSERN)

Ausgabe vom 13. März 2010

Innsbruck (OTS) - Die Sensibilisierung der Gesellschaft sorgt dafür, dass mehr Missbrauchsdelikte aufgezeigt und geahndet werden.

Österreich und Tirol stehen im Banne einer Missbrauchswelle bisher noch nicht gekannten Ausmaßes. Wie zuvor in Deutschland bricht jetzt auch hierzulande die Mauer des Schweigens, die Opfer aus Angst und Scham aufgebaut hatten. Betroffen sind bei Weitem nicht nur kirchliche Einrichtungen, auch wenn es anfangs den Anschein hatte. Sexueller Missbrauch von Kindern ist zwar auch ein innerkirchliches Problem, aber nicht ausschließlich. Sportvereine, weltliche Internate, Jugendgruppen - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Gefahr lauert, vereinfacht gesagt, immer dann, wenn Kinder engen Kontakt zu Erwachsenen haben.

Die jetzt angezeigten Fälle datieren meist aus den 70er- und 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Das erschwert in erster Linie die strafrechtliche Verfolgung der Täter. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, wie es denn heutzutage ausschaut. Ist davon auszugehen, dass in 30 bis 40 Jahren Gräuelberichte über sexuellen Missbrauch auftauchen, der heute, quasi unter unseren Augen, passiert?
Klar ist: Kindesmissbrauch hat es immer gegeben und wird es immer geben. Aber zumindest drei gute Gründe nähren die Hoffnung, dass die Zahlen abnehmen. Zum einen ist das die Weiterentwicklung am wissenschaftlichen Sektor. Es gibt mittlerweile neuere, bessere und umfassendere Therapieformen. Vor allem aber sorgen das gestiegene Selbstbewusstsein und die schwindende Obrigkeitshörigkeit der Kinder dafür, dass Übergriffe rascher aufgedeckt und Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Nicht zuletzt ist es die zunehmende Sensibilisierung der Gesellschaft, die gegenseitige Aufmerksamkeit, die dafür sorgt, dass Missbrauchsdelikte aufgezeigt und geahndet werden.
Schade nur, dass es immer erst einen Anlassfall oder - wie derzeit -sogar eine Welle von Anlassfällen braucht, ehe diese Abwehrmechanismen einsetzen.

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