Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Bologna und der Prozess"

Ausgabe vom 11. März 2010

Wien (OTS) - Der Lissabon-Prozess, mit dem Europa zum
dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt gemacht hätte werden sollen, ist gescheitert, weil es kaum Koordination der EU-Mitgliedsländer gab.
Für die Universitäten und Hochschulen gibt es auch einen solchen Prozess, den Bologna-Prozess. 1999 beschlossen, sollen danach dreistufige Studienpläne (über Europa hinaus) angeglichen werden. Studierenden sollte es möglich sein, in einem anderen Land jederzeit in die jeweilige Studienrichtung einsteigen zu können, dazu kommt gegenseitige Anerkennung des Studiums. 20 Prozent aller Akademiker, so lautet das Ziel, sollen einen Teil ihres Studiums in einem anderen Land absolviert haben. Europa soll zusammenwachsen und gleichzeitig die Akademikerquote erhöhen.

Ein schönes Ziel, ein guter Plan. Studierende sollten eigentlich nicht dagegen, sondern dafür demonstrieren. Was sie eigentlich auch machen. Denn der Protest richtet sich nicht gegen die Idee, sondern gegen deren zweifelhafte Umsetzung.

Manche Länder, wie auch Österreich, witterten die Chance, auch auf den Universitäten mit dem um ein Jahr verkürzten Bachelor-Studium schnell mehr Akademiker auszubilden. Das Zusammenpferchen der Studienpläne führt notgedrungen zu einer sogenannten "Verschulung". Dafür gibt es aber bereits die Fachhochschulen, die sehr berufsspezifisch ausbilden. Die Universität ist aber eben keine HTL auf hohem Niveau, sondern soll eine möglichst universelle Bildung ermöglichen.

Die Wirtschaft schreit ebenfalls auf, Bachelor-Absolventen seien nicht gerade willkommen, heißt es von den Arbeitgeberverbänden. Für Studierende ist das ein zusätzliches Alarmzeichen: Wer studiert schon, um danach keinen Job zu bekommen?

Und die nationalen Unterschiede bestehen immer noch, man bekämpft sich gegenseitig mit Zugangsbeschränkungen. Die Bildungskonferenz zum Bologna-Prozess in Budapest und Wien sollte die massiven Proteste der jungen Leute ernst nehmen. Sonst winkt diesem Programm ein ruhmloses Ende wie dem Lissabon-Prozess. Und Europa hätte wieder eine Chance vertan, stärker zusammen zu wachsen. Wenn der Kontinent aber bei den jungen Leuten versagen sollte, schaut es mit der Zukunft insgesamt nicht rosig aus.

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